Wir suchten uns einen Ankerplatz in der Marigot Bay, dem französischen Teil der Insel und machten erstmal ein Nickerchen. Um uns herum waren jetzt wieder, nach langer Zeit, viele europäische
Boote, einige deutsche, viele französische, skandinavische und ein paar amerikanische und kanadische Boote. Es gab ein paar Expeditions- und Hippieboote mit Waschmaschine an Deck … hatten wir
auch noch nicht gesehen!
Am nächsten Tag ging es mit dem Dinghi zum Shipshop, in einen kleinen Chinaladen mit unschlagbaren Preisen für Pastis (BVI´s 35 Dollar … St. Martin 3,50 €) und zur Volvowerkstatt, die wir vor 2
Jahren schonmal für eine Motorwartung engagiert hatten. Wir hatten uns schon per E-Mail angekündigt und bekamen von Xavier direkt am nächsten Tag einen Termin, großartig! Das lief wie am
Schnürchen und wir gingen Frühstücken und Einkaufen in einem franz. Feinkostladen in der Nähe … kein Großeinkauf, aber ein Baguette, Käse und eine Flasche Wein … Fronkreisch, das Paradies!
Remy von der Volvowerkstatt kam am nächsten Morgen zum Motorcheck und war sehr angetan, weil unser Volvo in einem so guten Zustand war. Er hatte absolut nichts zu beanstanden, was uns sehr erleichtert zurückließ … ein gutes Gefühl für die große Überfahrt. Am darauffolgenden Tag waren wir nochmal im Volvo-Office, bezahlten unsere Rechnung und nahmen noch ein paar Ersatzteile mit … Filter, Dichtungen … für alle Fälle, ein teurer Spaß mit über 500 €. Nach einem Besuch beim Autovermieter, wir wollten ein Auto mieten am nächsten Tag und beim Shipshop (wieder mal!) ging es nach Hause auf´s Boot.
Wir hatten das Auto am nächsten Tag um 12.00 Uhr für 24 Std und fuhren zunächst in den holländischen Teil, Sint Maarten, denn dort gab es einen Carrefour Supermarkt, dann zu Budget Marine
(Ersatzteile für den Außenborder), zum Servicebetrieb der Automatik-Rettungswesten und zum Einkaufen. Jetzt hatten wir schon ganz schön viel erledigt. Blieb noch ein Friseurtermin … Thomas war
ein paarmal in einem Barbershop im Laufe der Zeit, aber Jutta war seit 5.5 Monaten nicht mehr beim Friseur, war also bitternötig! Thomas bekam einen Fast-Glatze-Schnitt und Jutta einen schicken,
kurzen Bob … da sieht man ganz klar, wer besser französisch spricht.
Abends kam Virginia aus Argentinien, sie und ihren italienischen Freund Mario hatten wir zum ersten Mal an der US-Ostküste getroffen, auf ein Bier und eine Runde Mexican Train Domino vorbei.
Mario musste kurzfristig nach Mexiko fliegen, also nahmen wir sie ein bisschen unter unsere Fittiche.
Die nächsten Tage vergingen mit kleinen Wartungsarbeiten, und dem Buchen von Flügen. Johanna wollte uns auf den Azoren besuchen (wären wir nur schon dort!) und die letzte Etappe nach Frankreich
mit uns segeln. Wir buchten also einen Hinflug für sie. Und für uns buchten wir Flüge nach Neuseeland, denn wir hatten Sorge, dass die Flugpreise durch den Irankrieg in die Höhe gehen könnten.
Wir buchten Frankfurt – Auckland Anfang November 2026 und Auckland – Frankfurt im April 2027 … spannend!
Als es einen Tag mit wenig Wind gab, erledigten wir morgens früh den obligatorischen Riggcheck, d.h. Thomas ging in den Mast und überprüfte sämtliche Beschläge und Stahlseile, die den Mast, die
Stagen und die Wanten betreffen. Hier sah alles so weit gut aus.
Nun stand noch das Säubern des Rumpfes auf dem Programm. Jobber hatte ganz schön Algen und Muscheln angesetzt, weil wir hier und da einige Zeit in Ankerbuchten verbracht hatten und in dem warmen,
tropischen Wasser kann man fast zuschauen, wie sich die Biotope entwickeln. Ein bewachsener Rumpf würde Geschwindigkeit kosten auf der bevorstehenden, langen Etappe und das konnten und wollten
wir uns nicht leisten. Also musste Thomas mit Tauchequipment, Spachtel und Schrupphandschuh ins Wasser. Unter Wasser bei Strömung zu arbeiten, stellte er fest, ist deutlich anstrengender, als
sich nur treiben zu lassen und bunte Fische anzugucken. Er kam also, nach fast zwei Stunden, ziemlich platt wieder an Deck und bekam erstmal einen Pastis.
Mittwochs gab es seit einigen Wochen immer ein Microseminar vom Transozeanverein (TO), in dem wir Mitglied sind. Neben 300-400 anderen Vereinsmitgliedern, die meisten in Europa, kann man sich
einloggen und viele Impulse bekommen. In diesem Seminar ging es um die Handhabung von Sextanten … eine etwas antiquierte Angelegenheit, aber da wir auch ein Exemplar an Bord haben, ein Erbstück
eines Onkels auf der Zinkschen Seite, loggten wir uns mal ein. Thomas hatte mal ein Astronavigationsseminar besucht und beschlossen, damit würde er sich mal beschäftigen, wenn er ganz viel Zeit
haben würde … war bisher noch nicht der Fall. In der ersten Stunde erklärte ein Experte, wie einfach doch die Positionsbestimmung mit einem Sextanten sei, es gäbe jetzt eine App und alles klang
ganz logisch. Sollten wir das gute Stück doch mal wieder ausgraben? Wir wussten so ganz grob, wo im Schiff es sich befinden müsste. In den weiteren 2 Stunden des Seminars kamen jetzt Dinge auf,
die man „nur noch“ bräuchte … endlose Tabellen und Listen … im Dunkeln ist es schwierig, wenn man den Horizont nicht sehen kann … bei Welle ist es auch nicht so einfach, irgendwelche Linien
übereinander zu bringen … und, und, und. Schlussendlich bestätigte sich unser anfängliches Gefühl und das gute Stück wird wohl bleiben, wo es ist. Fast alle Langfahrer haben einen Sextanten an
Bord, aber kaum einer nutzt ihn, wie so viel andere Dinge auch.
Nach Ende des Seminars mussten wir uns beeilen, um noch rechtzeitig mit dem Dinghi zum Treffen der Dorians zu kommen, das in Marigot stattfand. Dorian leitet sich ab vom Film FINDET NEMO und
bezeichnet Dori, die Freundin von Nemo, die unter Alzheimer leidet und ist in diesem Fall eine WhatsApp Gruppe, in der sich Segler zusammenfinden, die die Atlantiküberquerung von West nach Ost
vor sich haben. Man tauscht sich aus über Wetter, Abfahrttermine, Häfen, Boote, Proviantierung und so weiter und man trifft sich einmal in der Woche bei „Chez Coco“. Dies war das erste Treffen
und es war sehr gut besucht, etwa 50 Leute. Wir lernten viele Leute kennen, Deutsche, Skandinavier, Briten, Franzosen, Holländer und stellten fest, dass wir eher zu denen gehörten, die länger
unterwegs waren als die anderen, von denen viele „nur“ die Atlantikrunde gedreht hatten, also Kanaren, die kleinen Antillen, die Azoren und innerhalb eines Jahres zurück … ein spannender Abend
mit vielen neuen Kontakten und Einladungen „Kommt doch mal vorbei!“ Das ließ sich machen, denn wir hatten ja noch knapp 2 Wochen bis zur geplanten Abreise.
Die Zeit verging schnell mit Einkäufen, Vorbereitungen, gegenseitigen Besuchen und einer Videokonferenz mit der Crew der Kairos, die wir vom Ijsselmeer kennen, die in der letzten Saison in Hawaii
und Alaska waren und den Winter an der Westküste von Kanada verbracht hatten und jetzt die zweite Saison dort oben segeln … immer wieder schön, sich mit liebgewonnenen Segelfreunden
auszutauschen. Einige sind in der Südsee, in Neuseeland, im Roten Meer oder auch wieder zu Hause in Europa.
Eines Nachmittags bekamen wir Besuch von Tony, der mit seinem Kayak angepaddelt kam und den Thomas spontan auf ein Bier einlud. Tony lebte in Frankreich, war aber zurzeit in St. Martin, um seine
Mutter zu besuchen, der es nicht gut ging. Wir kamen 2 Stunden ins Plaudern, über sein Leben, unser Leben auf dem Boot und über das Leben im Allgemeinen. Tony war so liebenswürdig und gut drauf,
wir lachten viel und die Zeit war ruck-zuck vorbei. Wir wollten an einem der nächsten Tage nach Philipsburg, in den holländischen Teil zum Karneval und fragten Tony, wie wir am besten hinkämen.
Tony sagte: „Ich kann Euch fahren.“ Wir hatten uns allerdings noch mit zwei weiteren Seglern verabredet. „Dann fahre ich eben zweimal.“ Wir fragten, was er für ein Auto habe „Ich habe kein Auto,
aber kein Problem.“ Das ist dann wohl die karibische Herangehensweise und wir konnten ihn überzeugen, dass wir sicher auch mit dem Bus fahren könnten … verstanden hat er das nicht wirklich.
Dann war es schon wieder Mittwoch und Zeit für das nächste Microseminar vom TO. Diesmal ging es um Seenotrettungseinsätze. Weil wir gerade unsere Rettungsmittel für die Überfahrt checkten, passte
das ganz gut und wir waren mal wieder auf dem Stand. Abends gab es das 2. Seglertreffen und es war noch voller als beim letzten Mal. Wir hatten uns mit Dimitri bei „Chez Coco“ verabredet, er
brachte uns die vier Automatik-Rettungswesten, die wir ihm vor etwa 2 Wochen zur Wartung gebracht hatten … 450 € Puh! Wir lernten wieder neue Leute kennen und erfuhren von anderen, die schon
losgesegelt waren. Thomas postete ein Foto von dem Abend in seinem WhatsApp Status und am nächsten Tag meldeten sich unsere Freunde aus dem Roten Meer: „Oh, Jutta sitzt ja neben unserem Freund
Matthias aus Braunschweig … das ist ja ein Zufall. Bestellt schöne Grüße von uns.“ Die Welt ist klein!
Am nächsten Morgen trafen wir uns mit 7 anderen Yachties am Dinghidock in Marigot. Wir liefen zusammen zur Bushaltestelle und stiegen in den Bus nach Philipsburg, im holländischen Teil der Insel.
Für 2 US-Dollar pro Person gelangten wir innerhalb einer Dreiviertelstunde ans Ziel und erfuhren dort, dass die große Karnevalsparade in Kürze beginnen würde. In den Straßen war schon reges
Treiben und eine Affenhitze … jeder suchte sich einen Platz, von dem er einen guten Blick auf die Parade haben würde. Die Schattenplätze auf Mäuerchen waren schon vergeben. Wir fragten eine Frau
mit einem kleinen Getränkestand, ob wir ihre Plastikstühle ausleihen dürften. Mit dem Versprechen, bei ihr ein paar Getränke zu kaufen, stimmte sie zu. Perfekt! … Jetzt hatten wir Sitzplätze im
Schatten unter ein paar Bäumen mit guter Sicht auf die Straße.
Eine halbe Stunde später trafen die ersten großen Wagen ein … eine Mischung des deutschen Straßenkarnevals in doppelter Lautstärke mit Gruppen von Tänzern drumherum, die eher an Karneval in Rio
erinnerten, manche hochmotiviert, andere mit Handy und Coladose in der Hand eher unbeteiligt. Die Kostüme waren ganz großes Kino mit viel dunkler Haut, Glitzer und Glamour. Die eigentliche Show
war allerdings eine Gruppe von jungen Frauen am Straßenrand direkt vor uns, die 2,5 Stunden in der prallen Sonne tanzten, Selfies machten und mit dem Popo wackelten (Klick hier für ein
Video). Wir saßen triefend auf unseren Stühlen und bestaunten das bunte Treiben, bis wir uns einig waren, dass wir genug Eindrücke gesammelt hatten.
Wir irrten noch eine Weile durch das bunte Chaos auf der Suche nach einem Ausweg, aber viele Straßen waren gesperrt und die Linienbusse fuhren nicht raus aus der Stadt, stattdessen gab es endlose
Schlangen einwärts. Wir schafften es, den Fahrer eines Kleinbusses zu überreden, uns zurück nach Marigot zu bringen.
Zurück an Bord waren wir ziemlich erledigt und mussten die ganzen Eindrücke erstmal verarbeiten. Dabei half uns Tony, der auf einen Plausch vorbeikam und uns Früchte aus dem Garten seines Nachbarn mitbrachte. Diese kleinen roten Früchte (Pommes Malakka) hatten wir noch nie gesehen und ließen uns erstmal erklären, wie man sie isst … sehr lecker! Tony war der Ansicht, das ganze Zeug aus dem Supermarkt sei ungesund und tendenziell giftig.
So langsam rückte unsere Abreise näher, wir checkten täglich den Wetterbericht, diskutierten mit den Dorians „Und? Wann wollt Ihr los? Direkt auf die Azoren oder über Bermuda?“ und machten Listen
für die Dinge, die vorher noch zu erledigen sein würden.
Einer der Punkte auf der Liste war die Überprüfung der Rettungsmittel … Epirb (Emergency Position Indicating Radio Beacon), ein kleines gelbes Ding, das unsere Position und Schiffsdaten
automatisch über Satelliten an eine Rettungsleitstelle (Bremen) sendet, Sender in den Rettungswesten, die sich aktivieren, wenn sie mit Wasser in Kontakt kommen, Rettungsinsel, den Notfall-Bag
mit Inhalt (Messer, Medikamente, Seile, Spiegel, Papiere, Notfall-Essensrationen, Seenotraketen und -Fackeln … ), Trinkwasser, Funkgeräte usw. Wir gingen alles nochmal durch und machten
Funktionstests. Hoffentlich würden wir den ganzen Kram nicht brauchen!
Wir hatten einen Videocall mit der Crew der BALU, sehr erfahrene Segler, die wir aus Porto Santo und St. Martin kannten, die inzwischen wieder in Deutschland waren. Sie würden uns virtuell auf
der Überfahrt begleiten und uns eine zweite Meinung für das Routing geben … ein gutes Gefühl! Die Entscheidung fiel auf Dienstag, den 5. Mai. Das Wetter war nicht ideal, aber ideal würde es wohl
auch nicht werden. Die Wettersysteme auf dem Nordatlantik sind deutlich herausfordernder, extremer und wechselhafter als auf der Hinfahrt von den Kapverden zu den kleinen Antillen mit den
Passatwinden, die meistens beständig von Ost nach West wehen.
Wir machten noch einen letzten großen Einkauf der frischen Sachen mit einem Mietauto, besuchten noch das Fort St. Louis, kochten vor, gruben Bettdecken und warme Kleidung aus, denn es würde
deutlich kälter werden und verbrachten einen letzten, schönen Abend auf der REST ASHORE mit Mario, Virginia und zwei amerikanischen Freunden. Diese wollten nach Süden, den Antillenbogen herunter,
also in die andere Richtung, somit würden wir sie wohl nicht mehr wiedersehen. Mit den besten Wünschen für eine sichere Reise, war dieses mal wieder einer der vielen Abschiede, die zu unserem
Nomadenleben dazu gehören und die manchmal schwerfallen.
Am nächsten Tag sollte es losgehen auf die bisher längste Etappe unserer Reise und wir waren beide ein bisschen kribbelig. Mal sehen, wie das wird und wir nehmen Euch auf jeden Fall mit.
































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Olga Bijl (Sonntag, 24 Mai 2026 12:32)
Schön zu lesen wie es euch auf Die Jobber geht! Viele Sachen haben wir ähnlich gemacht!
Jens (Dienstag, 26 Mai 2026 10:13)
Euch eine gute Überfahrt - ich genieße es immer, durch das Lesen Eures Blogs ein wenig die große weite Welt ins Wohnzimmer zu holen