Vormittags verließen wir den Ankerplatz in Beaufort und fuhren raus auf den Atlantik, vor uns eine Nachtfahrt. Der Wind war leider nicht so kräftig, wie angesagt und so mussten wir teilweise den Motor mitlaufen lassen. An diesem Tag begleiteten uns so viele Delfine so lange, wie noch nie … 30-40 dieser tollen Tiere flitzten immer wieder um unseren Bug herum und wechselten sich ab … nahmen immer wieder Anlauf und tauchten wieder ab (Klick hier für ein Video). Die Nacht war, ohne Mond, sehr dunkel, aber nicht sehr kalt, also ganz o.k. Einige Meilen hinter uns sahen wir auf dem Plotter die RE, ein Katamaran, den wir schon in Maine getroffen hatten. Er hatte wohl das gleiche Ziel wie wir.
In diesem Bereich der Ostküste muss man sich entscheiden, ob man auf dem offenen Atlantik nach Süden fährt, was, wenn das Wetterfenster passt, schneller geht, als der Weg über den ICW (Intracoastal Waterway) im Landesinneren über die Kanäle. Der ICW ist bei viel Wind oder Gegenwind geschützter, erfordert aber sehr viel Aufmerksamkeit, denn die Fahrrinne ist stellenweise sehr schmal, grenzwertig flach für unseren Tiefgang und hat immer wieder Brücken, die manchmal hoch genug sind für unseren Mast, manchmal aber auch beweglich sind und weggeschwenkt- oder geklappt werden und das zu bestimmten Tageszeiten. Der ICW braucht also etwas mehr Planung. Dazu kommt, dass man nur an bestimmten Stellen sogenannte Inlets hat, die den ICW mit dem Atlantik verbinden und auch diese müssen tief genug sein und haben manchmal starke Strömung raus oder rein, je nach Tide und können bis zu 20 Seemeilen lang sein. Wir hatten uns für das Little River Inlet entschieden, waren gegen Mittag dort und ankerten in einem Fluss. Der Little River gehört schon zu South Carolina und tatsächlich war es so warm, dass wir, nach vielen Wochen, im T-Shirt und kurzer Hose im Cockpit sitzen konnten.
Ein paar Stunden später kam die RE an, Chrischan und Alicia ankerten hinter uns. Sie hatten ein paar Nachtschichten hinter sich, wir waren alle etwas müde und vertagten deshalb unser Treffen auf den nächsten Tag, da wir beide noch eine weitere Nacht bleiben wollten.
Am nächsten Nachmittag holte Chrischan uns mit dem Dinghi ab und fuhr uns rüber zur RE, wo wir, zusammen mit Alicia, bei Kaffee, Tee, Cocktails und Bier, netten Gesprächen und ein paar Runden Mexican Train Domino eine schöne Zeit hatten. Es stellte sich heraus, dass wir ähnliche Reisepläne hatten und so würden wir uns, mit etwas Glück, in den Bahamas wieder treffen.
Bei Sonnenaufgang gingen beide Boote Anker auf und steuerten auf den Atlantik raus. Wir hatten guten Wind und wie das so ist … zwei Boote – eine Regatta … segelten wir mit 7-8 Knoten Geschwindigkeit eine Weile gleichauf, bis uns die RE mit ihrem Parasailor überholte (Chrischan hatte etwas tiefgestapelt und erzählt, er sei selten schneller als 5 Knoten … jaja) und wir machten eine Menge Fotos des jeweils anderen Bootes. Die RE wollte schnell weiter nach Süden in 2-3 Nachtfahrten, aber wir wollten uns mehr Zeit lassen und noch Charleston und Savannah ansehen. Also nahmen wir das nächste Inlet bei Georgetown und suchten uns einen Ankerplatz. Da am nächsten Tag sehr wenig Wind angesagt war und wir „außen“ auch motoren müssten, entschieden wir kurzerhand, noch weiter „rein“ zu fahren und am nächsten Tag über den ICW weiterzukommen.
So ein Ankerplatz in einem Fluss mit Strömung ist immer ein bisschen speziell. Der Anker gräbt sich im schlammigen Untergrund ein, aber mit dem Kentern der Strömung durch die Tide, dreht sich das Boot um 180 Grad in die andere Richtung und der Anker muss neuen Halt finden, was er bisher aber immer zuverlässig getan hat. Ein guter Anker ist hier sehr wichtig und ein Ankeralarm in der Nacht unerlässlich … man möchte in diesen Gewässern nachts auf gar keinen Fall auf Drift gehen.
Morgens ging es früh Anker auf bei 3 Grad … brhhhh! Hier ist unser Deckshaus Gold wert, denn, wenn die Sonne scheint, wirkt es wie ein Gewächshaus und es heizt sich schnell auf. Wir bogen ein paar hundert Meter weiter auf den ICW ein, hier wurde es auch gleich wieder sehr flach und es gab endloses Marschland und die ersten Palmen seit langer Zeit … wir waren also auf dem richtigen Weg. Wir passierten eine Schwimmbrücke mit Rampe für Boote und hier war richtig viel los. Es war Wochenende und es wimmelte von Angelbooten, teilweise getarnt mit Schilf … die Angler alle in Tarnkleidung, freundlich winkend, schon ein wenig „strange“. Schwer vorstellbar, dass die Fische in dieser dunkelbraunen Brühe den Angler sehen können und lieber nicht anbeißen, wenn er normale Kleidung trägt … naja, wahrscheinlich verstehen wir nix vom Angeln. Später ging es vorbei an riesigen Sommerhäusern und endlos langen Stegen. Thomas startete Theo (unsere Drohne), denn es war wenig Wind und sehr ruhige Bedingungen. Leider machte Theo nur einen kleinen Hopser, wollte wieder landen auf dem Solarpaneel, das aber nicht mehr an der gleichen Stelle war, denn unser Boot war ja in Fahrt. Theo stürzte ins Wasser, leuchtete rotblinkend zum Abschied und war im trüben Wasser verschwunden. Mist … der arme Theo!
Nachdem wir den ersten Schock überwunden hatten und ein Ankerplatz für die Nacht gefunden war, bestellten wir eine neue Drohne des gleichen Modells über Ebay, denn Johanna würde hoffentlich noch ein bisschen Platz im Koffer haben, wenn sie Weihnachten kommen würde. Nach Sichtung des Wetterberichtes buchten wir noch 2 Tage in einer Marina in der Nähe von Charleston, denn es war fieses Wetter und viel Wind angesagt ein paar Tage später. All dies wäre ohne Starlink nicht möglich, denn wir waren mitten im Nirgendwo … viele Pelikane und Delfine um uns herum, aber sonst nix.
Die vor uns liegende Etappe nach Charleston planten wir entsprechend der Öffnungszeiten der nächsten Schwingbrücke und entsprechend der Tide, denn den kommenden Abschnitt würden wir nur bei Hochwasser passieren können. Das klappte gut und wir kamen noch bei Tageslicht in Charleston an, wo wir unweit einer Marina den Anker fallen ließen. Die Skyline sah schonmal vielversprechend aus und wir verkrochen uns unter Deck, denn es war windig und saukalt. Sonntags fuhren wir mit dem Dinghi zum Dock der Marina bei wenig Wind kaum Welle und 20 Grad … perfekte Bedingungen, um sich die Stadt anzusehen. Eine Segelfreundin hatte prophezeit, ab South Carolina würde es wärmer werden … Recht hatte sie!
Charleston entpuppte sich als wunderschönes Südstaatenjuwel. Wir liefen durch die Straßen, schauten uns die sehr gepflegten Kolonialvillen an mit Palmen oder Orangenbäumen im Garten, die meisten schon weihnachtlich geschmückt und mit Gaslaternen vorm Eingang. Kutschen fuhren durch die Straßen, wir machten ein Foto nach dem anderen, bis uns die Füße weh taten und die Sonne schon langsam unter ging. Auffällig war, dass es im alten Teil der Stadt wieder viele europäische Autos gab und fast jedes Haus hat ein Golfkart vor der Tür, mit dem man hier auf öffentlichen Straßen fahren darf … sehr praktisch und elektrisch betrieben.
Am nächsten Tag stand Einkaufen auf dem Programm im weniger idyllischen Teil der Stadt … um uns herum fuhren laaaange Schleppverbände (Klick für ein Video) … eine knappe Stunde Fußweg und mit dem Uber zurück.
Gegen Mittag gingen wir Anker auf, denn das schlechte Wetter saß uns im Nacken. Wir hatten 2 Nächte in einer Marina gebucht, weit weg von der Innenstadt, den Cooper River rauf, und daher für amerikanische Verhältnisse bezahlbar 275 Dollar für 2 Nächte. Wir waren wohl nicht die Einzigen mit der Idee und wurden von anderen Yachties und ein paar Hunden auf dem Steg freudig begrüßt und festgeplaudert. Wir eisten uns irgendwann los und spielten eine Runde Domino im warmen Boot. Den folgenden Regentag nutzten wir zum Wäsche waschen, Kochen und Bürokram erledigen.
Da die nächste Etappe im ICW für uns zu flach war, ging es nach den 2 Hafentagen und einer heißen Dusche wieder raus auf den Atlantik und mit einer Nachtfahrt nach Savannah in Georgia. Das Ablegemanöver im Hafen gestaltete sich schwierig, denn die starke Strömung im Cooper River drückte uns gnadenlos auf den Steg und ein Stegnachbar hängte sich mit seinem gesamten Körpergewicht rein und schob uns weg. Es war schon wieder fieses Wetter mit Sturm und viel Regen angesagt und da kam uns das Towndock in Savannah gerade recht.
Die Einfahrt nach Savannah geht ein ganzes Stück ins Landesinnere und wir hatten die Strömung gegen uns, also entschlossen wir uns an der Mündung des Savannah Rivers ein paar Stunden zu ankern, bis die Strömung kippen würde. Nach der Nachtfahrt machten wir also erstmal ein kleines Nickerchen. Ganz in der Nähe machte die Coast Guard eine Übung mit zwei Hubschraubern (Helis oder Hubis?) und fischte ein paar Kollegen aus dem Wasser … spannend zu beobachten.
Kurz bevor es dunkel wurde, kamen wir, vorbei an riesigen Industrieanlagen und im Regen, am Towndock in Savannah an. Hier gab es reichlich Platz für uns, wir legten mit Hilfe eines kanadischen Nachbarn an, stöpselten unser Stromkabel an und schalteten erstmal den Heizlüfter ein. Das geht nur mit Landstrom, weil das Ding zu viel Strom verbraucht, aber den hatten wir ja jetzt.
Das Towndock liegt zentral in der Stadt am Savannah River ein paar Schritte von einigen Bars und sehr vielen Souvenirläden. Wir rafften uns abends, als der Regen etwas nachließ, auf und gingen auf eine erste Erkundungstour in die Stadt. Wir landeten in einer sehr speziellen Bar, die an Decke und Wänden mit kleinen Zetteln übersäht war. Auf jedem Zettel ein künstlerisches Portrait von Abraham Lincoln, oookay … interessant. Der Barkeeper erzählte aus seinem Leben, aber mit dem Südstaatenakzent verstanden wir vielleicht 20 %.
Nach einem Dinner in einem Wokrestaurant, hörten wir, zurück am Schiff, ein lautes Tuten. Ein gigantisches Containerschiff kam unter der nahegelegenen Brücke durch und passierte unseren Liegeplatz im Abstand von vielleicht 50 Metern. Wir zuckten zusammen und starrten mit offenem Mund auf den Koloss. In Savannah war insgesamt erstaunlich viel Schiffsverkehr mit Schleppern, Ausflugsschiffen, Containerschiffen und Tankern. Entsprechend unruhig war die Nacht, denn der Schiffsverkehr lief 24/7 und man hörte die Nacht hindurch Motorgeräusche und spürte die Wellen des Schiffsverkehrs.
Am nächsten Tag suchten wir ein kleines Wetterfenster, in dem es mal nicht schüttete und erkundeten die Stadt. Thomas suchte sich einen Friseur und Jutta lief ein bisschen durch die Stadt, was damit endete, dass wir beide, klatschnass wieder am Boot ankamen und erstmal den Kaffee aufhatten. Wir verkrochen uns mit Heizlüfter im Boot.
Neuer Versuch am nächsten Tag … die Regenjacken waren noch nicht ganz trocken, aber wir wollten auf jeden Fall noch den Chippewa Square sehen, wo Forest Gump auf der Bank gesessen hatte, und aus seinem Leben erzählt hatte … die Bank im Film stand nämlich in Savannah … wo wir doch auch schon am Leuchtturm im Maine waren. Wir kamen nicht weit, denn ein US-Bootsnachbar erwischte uns und plauderte uns an die Wand nach dem Motto: „ mein Boot, mein Haus, mein Auto … was kostet die Welt“ und es regnete und regnete, wir wurden nass und nässer.
Wir machten uns los und zunächst ging es mal zum Frühstück im „Toast all day“, wo der Bär los war, denn jeder flüchtete vor dem Sch…..wetter. Es gab ein sehr leckeres Frühstück, etwas ungewöhnlich: Süßkartoffelpommes mit Puderzucker … wahrscheinlich Südstaatenküche. Danach ließ der Regen nach und wir machten uns auf zum Chippewa Square, vorbei an schönen Häusern aus der Kolonialzeit. Die Bank war nicht mehr da, sie steht inzwischen in irgendeinem Museum, aber die Statue im Hintergrund stammt eindeutig aus dem Film. Wir sahen uns noch den Friedhof im Colonial Park an, der seit 1750 Ruhestätte vieler hochrangiger Militärs aus der Zeit war … sehr atmosphärisch im Regen mit den typischen Flechten an den Bäumen, im Dunkeln bestimmt ein bisschen gruselig.
Am nächsten Vormittag ging`s, immer noch bei Regen, weiter mit der Strömung Richtung Atlantik. Im AIS hatten wir gecheckt, dass uns kein Containerriese entgegenkommt.
Wir wollten in 2 Tagen und 2 Nächten nach Cape Canaveral segeln, und da der ICW in den kommenden Abschnitten zu flach war für uns, ging es über den Atlantik, was ziemlich anstrengend war.
Am zweiten Morgen kamen wir am Inlet an, zogen erstmal unsere Jacken aus, denn es war tatsächlich warm, mussten eine Brücke passieren, die für uns öffnete und durch eine Schleuse, in der wir mit ein paar Delfinen, Manatees und Pelikanen allein waren. Gleich hinter der Schleuse lag die Ankerbucht, in der Chrischan mit seiner RE, dem Katamaran, schon auf uns wartete.
Hier unser Track von Beaufort nach Cape Canaveral:




















































































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Irene (Donnerstag, 15 Januar 2026 08:08)
War wieder super spannend zu lesen, danke! Ihr erlebt in 2-3 Wochen mehr als der Durchschnittsbürger in einem Jahr - da frag ich mich, ob man das ohne Tagebuchnotizen noch "entflechten" kann?
Weiterhin viel Spass!