Chesapeake Bay nach Süden

 

Nach einer Nacht vor Anker vor der Anchorage Marina in Baltimore, ging es nun wieder los. Wir wollten uns langsam nach Süden bewegen, raus aus der Kälte, aber nicht zu schnell, denn die Hurricane Saison in der Karibik würde noch mindestens bis Ende November gehen. Wir hatten unsere Abfahrt um einen Tag verschoben, weil uns der Wind „draußen“ in der Chesapeake Bay zu heftig war. Am nächsten Tag sollte der Wind etwas nachlassen, wir gingen morgens Anker auf und fingen uns als erstes ein großes textiles Knäuel ein, dass schwarz und ölig war und sich um die Ankerkette gewickelt hatte. Jutta musste es mit einem Messer von der Kette freischneiden und schon wieder hatten wir so ein fieses, dreckiges Ding an Bord … das fing ja schonmal gut an. Jutta sah aus wie ein schmieriger Werftarbeiter und die frisch geputzten Bootsschuhe hatten es wieder mal hinter sich … entsprechend war die Stimmung, die auch nicht besser wurde, als sich herausstellte, dass der Wetterbericht bez. der Windstärke etwas untertrieben hatte. Wir hatten Böen bis 40 Knoten und das war für den Anfang ganz schön anstrengend.

 

 

Als wir den Hafenbereich in Baltimore verließen, fiel uns ein Frachtschiff mit seltsamen Aufbauten auf, die wir so noch nie gesehen hatten. Bei nachträglicher Recherche stellte sich heraus, dass es das weltweit größte Segelfrachtschiff, die NEOLINER ORIGIN war, die ihre erste Atlantiküberquerung erfolgreich abgeschlossen hatte und kurz vorher in Baltimore angekommen war. Das Konzept setzt auf Hybridantrieb, Segel und reduziert CO 2 Ausstoß um bis zu 90% … das sind doch mal gute Nachrichten.

 

 

Wir waren froh, in Annapolis angekommen zu sein und verkrochen uns auf dem schon bekannten Ankerplatz hinter der Brücke.

 

 

 

Das Wetter beruhigte sich an den nächsten Tagen und wir fuhren weiter nach Süden, vorbei an einem Atomkraftwerk und einem Flüssiggasterminal. Plötzlich tauchten wieder Pelikane auf und wir hatten das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Wir ankerten an einem sehr schönen Ort am Solomon Creek, ganz weit „hinten drin“ zwischen Sommerhäusern und Bootsstegen und blieben zwei Nächte. Leute kamen mit kleinen Booten vorbei und fragten immer wieder: „Kommt Ihr wirklich all the way from Germany? Never seen a boat from Germany here.“ Und schon kommt man ins Plaudern. Die meisten waren schon mal in Deutschland, oder kennen jemanden, der schonmal dort war und wünschen eine sichere Weiterreise.

 

 

Wir verbrachten weitere zwei Nächte in Reedville an einem geschützten Platz hinter einer Fischfabrik mit der entsprechenden Windrichtung, so dass der Geruch uns nicht erwischte. Hier gab es traumhafte Sonnenuntergänge und insgesamt war wenig los in den umliegenden Sommerhäusern, denn die Saison war vorbei und es wurde langsam ungemütlich.

 

 

 

Wir hatten vor einer Woche Kontakt aufgenommen mit der Zimmerman Marine in Deltaville, wo wir auf dem Hinweg schon einmal waren. Unser kleiner Zweitkühlschrank, eine Kühlschublade, lief schon seit einiger Zeit nicht mehr und wir hatten den Verdacht, dass ein Kühlmittelleck die Ursache war. Das konnten wir nicht selbst beheben und hatten einen Termin mit einem Fachmann vereinbart. Wir durften am Servicesteg der Werft anlegen und wenig später war der Kühltechniker schon an Bord. Wir hatten die Schublade schon ausgebaut und er hatte ziemlich schnell eine Diagnose: das Ding war wohl nicht zu retten. Es gab kein Ventil zum Nachfüllen des Kühlmittels und der Aufwand, eines einzurichten, wäre zu groß und wenig erfolgversprechend … wir würden also auf unsere Kühlschublade verzichten müssen … ärgerlich, weil das Ding sehr teuer war, aber nicht so schlimm. Wir hatten ja noch unseren großen Kühlschrank, aber der würde jetzt durchhalten müssen.

 

 

Wir durften kostenlos noch zwei Nächte bleiben und die Dusche nutzen … großartig! Wir buchten nochmal das Auto der Marina zum Einkaufen … (eine neue Gastlandflagge, denn die Alte sah wirklich sehr traurig aus) und Lebensmittel. Mit dem Tagesticket der Marina durften wir auch die Fahrräder des Hafens nutzen, was eine sehr schöne Abwechslung war. Wir radelten die Stove Point Road entlang, eine schmale Landzunge mit Sommerhäusern für die eher betuchten Mitbürger.

 

 

 

Abends trafen wir uns mit der Crew der Crazy B, die direkt gegenüber am Steg lag. Auch schön, mal wieder einen Abend mit deutschen Seglern zu verbringen und Erfahrungen auszutauschen.

 

Nach zwei Nächten am Steg, wurde der Platz für ein anderes Schiff gebraucht und wir ankerten noch eine Nacht vor der Marina. Da der Wetterbericht einen Sturm angesagt hatte, beschlossen wir, uns einen sicheren Platz zu suchen, um ihn abzuwettern. Wir fuhren also ein kleines Stück nach Norden, „um die Ecke“ den Rappahannock River hoch nach Urbanna. Wir buchten für zwei Nächte eine Marina (Urbby) und hofften, hier nicht viel von dem Sturm mitzubekommen, was dann auch so war. Wir ankerten noch die Nacht von Sonntag auf Montag vor der Marina und hatten am Montagmorgen einen Platz in einer Box, wo uns Andy sehr freundlich empfing und uns beim Anlegen half. Wir plauderten ein bisschen und er kümmerte sich auch direkt um unsere Gasflasche. Das Füllen von europäischen Gasflaschen im Ausland ist immer ein Problem … man braucht Adapter, natürlich die Richtigen und selbst dann scheitert es manchmal an Zertifizierungen oder an was auch immer. Unsere Gasflasche war aber ruck-zuck gefüllt und das begeisterte uns schonmal … wir würden also die nächsten Monate kochen können und würden nicht verhungern … ein dickes Dankeschön an Andy.

 

 

Bei der Abholung der Gasflasche trafen wir Andy, der uns erklärte, was es mit den speziellen Booten der Oysterfischer auf sich hat, die in der Marina lagen. Anders als in Frankreich, werden die Austern in dieser Region nicht in Körben gezüchtet, sondern vom Meeresboden geerntet. Sie sind also sehr sandig und werden nicht aus der Schale geschlürft, sondern ausgelöst. Zufällig war am Wochenende das „Urbanna Oyster Festival“ gewesen, was wir bewusst nicht mitfeiern wollten, und Andy hatte noch ein paar Austern übrig. O-Ton: „Waaas … Ihr habt noch nie Austern gegessen? Das müssen wir ändern. Kommt mit, hier gibt es die Besten.“ Okay, aus der Nummer kamen wir wohl nicht mehr raus. Amy, Andys Frau begrüßte uns sehr nett und servierte uns ein paar Austern mit Zitrone, einer Bloody Mary Sauce und ein paar salzigen Kräckern. Wir nahmen unseren Mut zusammen, folgten der Anleitung … Auster schlucken … nicht kauen … und schnell einen Kräcker hinterher … klappte ganz gut, aber was das Besondere ist, erschloss sich uns nicht so wirklich … what an adventure!

 

 

 

Wir bedankten uns und machten uns auf, um uns Urbanna anzusehen und schonmal den Supermarkt zu checken. Unterwegs kamen wir an einem Liquor store vorbei und kauften uns jeder ein kleines Fläschchen Schnaps, weil wir beide das Gefühl nicht loswurden, eine Auster säße noch auf halbem Weg in unserer Speiseröhre.

 

 

Auf dem Rückweg gingen wir noch einmal im Marina Office und Amys Laden vorbei, die eher wirkten wie ein privates Wohnzimmer. Insgesamt hatten die Beiden die Marina so liebevoll hergerichtet, dass man sich spontan zu Hause fühlen konnte. Wir kauften einen Pulli und wechselten ein paar Dollar in Münzen für Waschmaschine und Trockner, die wir am nächsten Tag nutzen wollten. Wir bekamen noch eine Einladung zum Abendessen, da einige Reste vom Oyster-Wochenende übrig waren. Wir hatten einen schönen Abend mit interessanten Gesprächen aus verschiedenen Welten. Was uns sehr beeindruckt hat, war, dass die Beiden, die diesen Hafen vor ein paar Jahren übernommen hatten, in unserem Alter noch ein neues Business begonnen hatten, und dies mit sehr viel Engagement und Fleiß in kurzer Zeit in ein sehr besonderes Unternehmen verwandelt hatten. Wir waren uns schnell einig, dass es die Begegnungen mit Menschen sind, die uns motivieren und die und antreiben.

 

 

 

Am nächsten Tag, Amy und Andy fuhren zu einer Militärparade anlässlich des Veterans Days, durften wir das Golfkart der Marina zum Einkaufen nutzen, was ein großer Spaß war und unsere Wäsche waschen (Klick hier für ein Video). Abends ging es in die nahegelegene Pizzeria und früh ins Bett, weil es eine sehr kalte Nacht wurde. Ein Stegnachbar empfahl uns: „Wrap up!“ übersetzt: „Mummelt Euch ein!“

 

 

Am Mittwoch verabschiedeten wir uns, nach einer letzten heißen Dusche, von der besten Marina ever. Andy brachte uns noch das Rezept und die geheime Zutat für die Corn Casserole, die uns so gut geschmeckt hatte an dem gemeinsamen Abend. Mit den besten Wünschen verließen wir Urbanna und segelten zurück zur Fishing Bay, wo wir uns mittlerweile schon fast zu Hause fühlten.

 

 

 

Nachmittags besuchten wir noch die Crew eines deutschen Bootes, PFADFINDER, das hier im Hafen lag und das wir schon mehrfach virtuell, aber bisher nicht in natura gesehen hatten. Wir hatten alle das Gefühl, wir könnten uns schonmal in Portugal auf See begegnet sein … man weiß es nicht so genau! Dies war vielleicht die letzte Chance, denn am nächsten Morgen wollten Monika und Thomas ganz früh los.

 

 

Wir blieben noch ein paar Tage in Fishing Bay, verabschiedeten uns auch noch von der CRAZY B (Dirk und Britta), die sich ebenfalls auf den Weg nach Süden machte. Wir gingen Einkaufen mit dem Leihwagen der Marina, Duschen und kochten eine große Menge Suppe, denn wir planten eine größere Etappe mit 2 Nachtfahrten über den Atlantik nach Süden. So richtig Lust dazu hatten wir beide nicht, denn es wurde schon um 17.00 Uhr dunkel und die Nächte waren elend lang und bitterkalt. Am Sonntag, Thomas` Geburtstag sollte es losgehen.

 

 

Das Wetterfenster, das erst so gut aussah, verschlechterte sich dann leider kurzfristig in Richtung Sturm und am Morgen der Abfahrt entschieden wir, doch „innen rum“ zu fahren, das heißt, über den Intracoastal Waterway ICW. Hätten wir das schon am Abend vorher entschieden, wären wir früher aufgestanden … hätte, hätte … also Blitzstart um 9.00 Uhr und los gings, denn wir wollten bis Norfolk kommen.

 

 

Von der PFADFINDER hatten wir den Tipp, dass es in Portsmouth bei Norfolk ein kostenloses Towndock gab, an dem man übernachten durfte, also war das unser Ziel für den Tag. Wir schafften es so grade und es wurde schon dunkel, als wir endlich in das Mini-Hafenbecken einliefen, das auch von einer Fähre genutzt wurde. Das Anlegemanöver war knifflig bei ordentlich Wind in dem kleinen Becken, in dem schon zwei andere, kleinere Boote lagen. Die Crews der anderen Boote halfen spontan beim Anlegen und wir plauderten ein bisschen. Weil wir ja so viel Suppe gekocht hatten, luden wir kurzentschlossen die amerikanische Crew des hinter uns liegenden Bootes zum Abendessen ein. Der Abend verging mit spannenden Geschichten über Einreisebestimmungen, selbst für Amerikaner und wir bekamen wertvolle Tipps für die Bahamas von Tim und Diane … immer wieder schön, andere, so freundliche Menschen zu treffen.

 

 

 

Wir blieben noch eine weitere Nacht in Portsmouth, wo allerdings absolut nix los war an einem Montag. Allerdings kamen so einige Leute an unseren Steg zum Plaudern „Ahh, you came all the way from Germany with the boat? Woooow!“ Dieser Spot war offensichtlich auch das Zuhause einiger Leute ohne Zuhause. Wir brachten einem Mann, der den Tag dort verbracht hatte, eine Schüssel unserer Suppe, was ihn sehr freute, und damit war sie dann auch langsam leer.

 

 

 

Morgens darauf gings weiter, unter vielen Brücken hindurch und durch eine Schleuse nach Pungo Ferry (Klick hier für ein Video). Diese Strecke kannten wir schon vom Hinweg und wir machten an den gleichen Pfählen des verlassenen Docks fest, wo wir eine ruhige Nacht hatten.

 

 

Da die nächste Etappe sehr lang sein würde … über 60 Seemeilen … brachen wir im Morgengrauen auf und fanden unseren Ankerplatz im Alligator River beim letzten Tageslicht. Hier waren wir nicht allein, denn 5 andere Segel- und 2 Motorboote hatten die gleiche Idee. Es wurde eine unruhige Nacht mit viel Wind und als wir morgens den Kopf aus dem Niedergang steckten, waren die meisten anderen schon weg. Das macht den Skipper immer ein bisschen nervös und wir machten uns auch auf den Weg.

 

 

Das nächste Ziel war Belhaven, wo es auch ein Towndock geben sollte. Bei näherer Betrachtung war es aber zu flach dort für Jobber und so ankerten wir außerhalb. Manchmal ist der Tiefgang unseres Bootes mit 2 Metern (7 Fuß) ein begrenzender Faktor und einige Orte können wir nicht besuchen … das ist im ICW manchmal knapp und auf den Bahamas würde das auch ziemlich spannend werden.

 

 

 

Das nächste Dock in Hobucken war aber tief genug und wir waren früh genug dran und bekamen einen Platz für 20 $ pro Nacht. Wenig später kamen noch zwei weitere Motorboote und das wars … Glück gehabt!

Das Dock in Hobucken war wirklich speziell. Hier lagen einige größere Fischerboote und es gab einen Laden mit Seafood, ein paar Lebensmitteln und Ersatzteilen für Fischerboote … alles sehr authentisch, spannend für uns „in the middle of nowhere“. Wir kauften ein paar gefrorene Shrimps und guckten uns den Laden ein bisschen näher an. Man findet ja immer was in einem Shipshop und so fand Thomas eine Sprühdose Keilriemenpflegemittel: „Guck mal, sowas hab ich noch nie gesehen.“ Als wir wieder im Freien waren, überfielen uns die heimischen Hillbilly-Mücken, die sehr aggressiv waren und wir verkrochen uns schnell im Boot hinter unseren Mückengittern.

Man sollte meinen, dass wir eine ruhige Nacht vor uns hatten, aber um 3.00 Uhr kamen 4-5 große Pick-ups mit Anhänger, luden ihre Sportfischerboote ab und ließen sie direkt hinter unserem Heck ins Wasser. Okay es war Wochenende, es war saukalt, es regnete und die Leute schlugen sich die Nacht um die Ohren, um Angeln zu gehen. Brrrh, was daran so toll sein sollte, erschloss sich uns irgendwie nicht.

Am nächsten Tag kauften wir ein weiteres Mal Shrimps, die wirklich lecker waren und ein paar Stücke Goldmakrele. Thomas hatte im Werkzeugladen einen Hai aus Kunststoff gefunden, den wir beide gern gehabt hätten, aber er war leider unverkäuflich.

 

Nächster Stopp war Oriental und wir gönnten uns mal wieder eine Nacht im Hafen zum Duschen und Einkaufen. Es gab einen Shuttle-Service, der uns mit den Einkäufen wieder zurück zum Hafen brachte … super!

 

 

Von der PFADFINDER hatten wir den Tipp, dass es in der Ankerbucht in Beaufort, wo wir hin wollten und sie schon waren, wieder Platz für uns gab. Sonntags fuhren die Wochenendsegler wieder heim und die Marinas und Ankerplätze boten wieder mehr Platz. „Super, dann kommen wir vorbei.“ 

 

Wir verbrachten einen sehr schönen Abend gemeinsam auf der Jobber, teilten die Goldmakrele durch Vier und ein paar Bierdosen. Die Beiden würden wir wohl so schnell nicht wiedersehen, schade, denn sie planten, von Beaufort aus, an einem Stück nach St. Martin auf den kleinen Antillen zu segeln … das ist Richtung Osten und ein anspruchsvoller Plan. Somit verabschiedeten wir uns, als sie im Dunkeln ins nasse Dinghi stiegen, für lange Zeit und mit den besten Wünschen für „save trips und fair winds.“

 

 

 

Für uns schloss sich der Kreis in Beaufort, wo wir vor etwa 5 Monaten aus Puerto Rico angekommen waren und in der Zeit den Norden der Ostküste bereist hatten. Wir hatten viel erlebt und die Strecke nach Süden Richtung Miami kannten wir noch nicht … auf zu neuen Abenteuern!

 

Hier noch der Track von Baltimore, Maryland, nach Beaufort, North Carolina:

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Irene, Searenity (Samstag, 29 November 2025 05:36)

    Herrlich, die Austerngeschichte - habe förmlich mitgelitten.... danke!