Die Tage in der Anchorage Marina in Baltimore waren gezählt und es war noch einiges zu tun und zu organisieren vor unserer Abreise nach Deutschland. Es sollte sich herausstellen, dass es ganz gut war, ein paar Tage früher in der Marina zu sein.
Mit Dockmaster Wayne stimmten wir unsere Wunschliste ab:
… Wartung der Rettungsinsel und 4 Schwimmwesten (die in Baltimore ansässige Firma wartet unser Fabrikat der Insel nicht, Schwimmwesten wären machbar, aber teuer und am anderen Ende der Stadt)
… Schweißen des Metallbügels, der den Anker sichert (Betrieb meldet sich nicht)
… Reinigen des Rumpfes durch Taucher (konnten wir beauftragen für Ende Oktober)
… Füllen der Gasflasche (schwierig, weil sehr weit entfernt)
Die Ausbeute an Haken auf der Liste war mehr als überschaubar, wir würden also andere Lösungen finden müssen. Immerhin waren ein großer Supermarkt, ein Baumarkt und ein Bootsausrüster direkt um die Ecke und wir konnten alles zu Fuß erledigen und uns ein bisschen Baltimore ansehen.
An einem Regentag erledigten wir verschiedenen Wartungsarbeiten wie Ölwechsel am Generator, Rostbekämpfung an Edelstahlbeschlägen, Süßwasserspülung des Volvos und verschiedener Seile und das Konservieren des Wassermachers. Dieser muss, wenn man ihn länger als eine Woche nicht benutzt, mit 2 verschiedenen Flüssigkeiten gespült werden, damit sich keine Keime bilden. Grundsätzlich wollten wir das lokale Trinkwasser nicht in unseren Tanks haben, da es mit Chlor versetzt war und diese Chemikalie die Membran unseres Wassermachers schädigen würde. Außerdem war in der Marina ein seltsamer Geruch wahrzunehmen und um uns herum schwammen hunderte tote Fische. Auf unsere Nachfrage erklärte man uns, die Wassertemperatur sei zu hoch, es hätten sich Algen gebildet und die Fische bekämen zu wenig Sauerstoff … na ja!
Nachdem wir ein paar Tage ordentlich fleißig waren und auch schon geputzt hatten, hatten wir noch Zeit, einen Tag in Washington zu verbringen. Der Wetterbericht war gut, es war noch sehr warm mit 28 Grad, also schoben wir den Programmpunkt noch ein, denn wenn wir zurückkommen würden, Ende Oktober, könnte es deutlich kälter sein.
Wir fuhren also mit dem Uber zum Bahnhof in Baltimore, der übrigens sehr schön ist, und mit dem Zug in etwa einer Stunde nach Washington DC. Dies war auch gleich mal eine Generalprobe für die Fahrt in 2 Tagen zum Flughafen in Washington … so wussten wir schonmal, wie man an Tickets kommt, Fahrplan usw.
In Washington DC buchten wir uns ein Ticket für einen Hopp-on-Hopp-off-Bus. Erste Station war Arlington, der große Militärfriedhof (400 000 Gräber) für US-Veteranen und ihre Familien. Er existiert seit 1864 und hier liegt auch John F. Kennedy und seine Frau Jaqueline begraben in einer eher schlichten Grabstätte mit ewiger Flamme. Ein berühmter Spot in Arlington ist auch das Grab des unbekannten Soldaten, an dem durchgehend patroulliert wird und Wachablösungen stattfinden … eine für unsere deutsche Vorstellung etwas schräge Veranstaltung. Es gibt sehr detailliert festgelegte Abläufe und eine Menschenmenge schaut sich das unglaublich mucksmäuschenstill an und niemand traut sich auch nur zu niesen. Insgesamt ein beeindruckender Ort, der uns durch seine schlichte Größe das Ausmaß der Zerstörung von Menschenleben durch Kriege klar macht.
Das White House, damals noch MIT Ostflügel, konnten wir nur aus relativ großer Entfernung sehen und hatten wir uns irgendwie größer vorgestellt. Die Stadt ist gespickt mit historischen, klassizistischen Gebäuden, Museen und Denkmälern, von denen wir uns noch das Washington Monument und das Capitol angesehen haben. Soldaten der Nationalgarde patroullierten etwas planlos durch die Stadt und die Subway.
Spannend waren ein paar Dinge abseits der ausgetretenen Touristenpfade, z.B. eine Freiluftausstellung „Trail of Truth“, die an Drogentote erinnert. Hier kann jeder Angehörige oder Freund einen symbolischen Grabstein setzen, um an die verstorbene Person und die Problematik zu erinnern.
Oder eine Parade einiger südamerikanischer Länder, für die einige Straßenzüge gesperrt wurden. Hier präsentierten sich die verschiedenen Länder mit Musikgruppen, Personen in landestypischen Trachten und ganz viel südamerikanischer Lebensfreude und Temperament. Die Straßen waren gesäumt mit jubelnden Landsleuten und der Hintergrund war sicherlich auch die derzeitige Migrationspolitik der USA. (Hier ein paar Eindrücke von Washington DC)
Müde von der Hitze und den vielen gelaufenen Kilometern, fuhren wir abends wieder zurück nach Baltimore.
Der letzte Tag vor unserer Abreise verging mit Wäsche waschen, Packen und Vorkehrungen für unsere vierwöchige Abwesenheit. Wir verteilten unsere letzten verderblichen Lebensmittel an Bootsnachbarn, denn der Kühlschrank würde ausgeschaltet sein … Kommentar: „ Oh, you must be European … so much cheese!“ Jobber sollte hier sicher sein für die kommenden 4 Wochen, denn die letzten Hurricanes waren immer nach Osten abgebogen, bevor sie die Ostküste erreichten … das würde hoffentlich so bleiben.
Unser Flug ging spätnachmittags ab Washington DC und wir erreichten mit dem Uber sehr knapp den Zug in Baltimore … gut, dass wir die Generalprobe zwei Tage zuvor hatten, sonst hätte es wohl zeitlich nicht mehr gereicht. Wir reisten mit Icelandair mit einem Stopp in Reykjavik, nicht die komfortabelste, aber die kostengünstigste Lösung für uns und wir hatten nur jeder einen Rucksack als Handgepäck dabei.
Im ersten Flieger hatten wir eine interessante Begegnung mit einer Inderin, die neben Thomas saß. Sie war sehr plauderig und erzählte uns ein bisschen aus ihrem Leben … immer wieder spannend. Sie arbeitete als Krankenpflegerin in Paderborn und pendelte alle paar Wochen, zu ihrem Mann, der auch indischer Abstammung war und in der Nähe von Washington im IT-Bereich arbeitete. Sie plante, langfristig auch in die USA auszuwandern, weil Ihr Mann dort deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten (BRD – 7 000€ / USA – 14 000 €) hatte. Ihren deutschen Pass wollte sie aber auf jeden Fall behalten.
Mit dem Flug lief alles glatt, nur mit der DB in Frankfurt gab es mal wieder Probleme. Unser Zug nach Stuttgart hatte zunächst Verspätung und daraufhin hatte man sich überlegt, um Zeit aufzuholen, die Haltestelle am Flughafen zu streichen … wir spurteten also zur nächsten S-Bahn, um unseren Zug noch am HBF zu erreichen, was auch klappte … inzwischen hatte man unsere Platzreservierung auch gestrichen … welcome home!
In Stuttgart holte Johanna uns am Bahnhof ab, der ja praktisch ihr Arbeitsplatz ist. Zuletzt hatten wir uns vor zwei Monaten in New York gesehen, es war also noch nicht so lange her und trotzdem hatten wir uns vermisst und freuten uns sehr auf unser Wiedersehen. Johanna transportierte unser Gepäck im Smart und wir gingen zu Fuß durch den mittleren Schlossgarten zu ihrer Wohnung. Dies war eine ganz neue Erfahrung für uns, denn diesmal konnten wir bei ihr wohnen für die nächsten zwei Wochen, denn seit März hatte sie eine eigene Wohnung mit ihrem Freund Stephan zusammen, mitten in Stuttgart in Laufentfernung zum Bahnhof. Somit konnten wir ihren Smart nutzen, um mobil zu sein, denn sie ging immer zu Fuß zur Arbeit.
Zuerst bekamen wir eine Führung durch die superschöne Maisonettwohnung im 4. Stock mit Balkon, die wir nur von Fotos kannten. Wir fühlten uns direkt sehr wohl und machten in Gedanken schonmal eine kleine To-do-Liste für kleinere Reparaturen. Von unserer neuen Homebase aus pendelten wir zu diversen Arztterminen in Böblingen und Umgebung und zum Baumarkt. Der Verkehr rund um Stuttgart war das reinste Chaos, bedingt durch viele Baustellen und Straßensperrungen. Das hatten wir wirklich nicht vermisst, besonders nicht den rücksichtslosen Kampf auf deutschen Straßen um jede Position im Stau … das hatten wir nirgendwo so erlebt und mit der Distanz nimmt man es deutlicher wahr. Im Ausland wird man immer gefragt, ob man in Deutschland wirklich so schnell fahren darf, wie man will und kann … na ja, wenn man denn könnte.
Am Feiertag, 3. Oktober, bekamen wir von Johanna eine exklusive Führung über die Baustelle des neuen Stuttgarter Bahnhofs und durch ihren Verantwortungsbereich, das historische Empfangsgebäude, das in Zukunft, unter anderem, als Zugangsgebäude zum neuen Durchgangsbahnhof dienen wird, den Bonatzbau. Die Komplexität des Projektes, die wir nur erahnen können und das Maß an Verantwortung, das Johanna trägt mit ihren 30 Jahren, ist schon sehr beeindruckend und macht uns sehr stolz.
Als Überraschung von Johannas Seite, besuchten wir zusammen noch eine Star-Wars-Ausstellung in Stuttgart … nur was für absolute Fans, als die man Thomas und Johanna aber bezeichnen könnte. Die beiden kennen die gesamte Serie rauf und runter und hatten viel Spaß mit Luke Skywalker und Co.
Die zwei Wochen waren ziemlich durchgetaktet und vergingen wie im Flug mit Treffen mit Kollegen, Freunden, unseren Mietern, Stadtbummeln und Basteleien in der Wohnung. Den letzten Abend bei Johanna verbachten wir mit Plänen für unser nächstes Treffen an Weihnachten irgendwo in Florida oder den Bahamas.
Unser Zug nach Münster ging sehr früh, wir nahmen Johannas Smart mit einer Einfahrgenehmigung in die Bahnhofsbaustelle … sehr praktisch! Wir hatten eine Zugverbindung ohne Umsteigen gewählt, um das Chaosrisiko zu minimieren. Das klappte auch fast bis auf eine kaputte Weiche bei Köln, die eine Stunde Verspätung verursachte … das hätte schlimmer kommen können.
Wir holten das kleine BMW-Cabrio unseres Schwagers ab, das er uns für die Zeit in Münster überlassen hatte … Danke Jürgen … und fuhren zu unserem ersten Treffen mit Thomas Schwester und abends zu unseren Freunden Sabine und Thorsten, wo wir, wie bei jedem Deutschlandbesuch, ein paar Tage verbrachten. Tagsüber besuchten wir unsere Mütter, Freunde und die Abende verbrachten wir mit leckerem Essen und vertrauten Gesprächen.
Unsere nächste Etappe waren ein paar Tage Bielefeld, bei unseren Schulfreunden Gertraud und Lothar und ein Abstecher mit dem Besuch unserer Freundin Edith in der Rehaklinik in Bad Oeynhausen. In Bielefeld gab es ein paar kleine Projekte, wie das Abdichten eines Sonnensegels und das Neuverkabeln des Wohnwagens und ein Besuch unseres Neffen Martin, der in Bielefeld Medizin studiert. Auch hier fühlen wir uns immer sehr zu Hause und genießen die gemeinsame Zeit.
Den Rest des Monats verbrachten wir in Münster bei unserem Freund Rainer … auch immer super angenehm und entspannt. Die Zeit verging viel zu schnell mit Monis Kochkünsten, einigen Spieleabenden, Shoppingtouren und Besuchen bei Freunden und Familie.
Bei all den schönen Begegnungen, die ja immer etwas Besonderes sind, weil man sich so selten sieht, fragten wir uns immer mal wieder, wie es wohl sein würde, wenn wir im nächsten Jahr zurückkommen würden nach Deutschland. Unser Nomadenleben ist schon ein sehr anderes, manchmal spannend, manchmal auch sehr anstrengend. Anfangs fühlte es sich etwas fremd und distanziert an in der alten Heimat, aber dann auch wieder sehr vertraut und viel kalkulierbarer und einfacher als unser „anderes Leben“. Man muss sich über so viel weniger Dinge Gedanken machen … Wetter, Windrichtung, Tide und Strömungen, Entfernungen, Trinkwasser, Energiemanagement, Reparaturen, Einkaufsmöglichkeiten … Wir werden uns verändert haben in der Zeit, das Arbeitsleben ist vorbei und wir werden wohl unseren Platz neu definieren müssen.
Unser Taxi zum Bahnhof ging sonntags sehr früh, denn der Zug nach Frankfurt sollte um 6.03 Uhr in Münster abfahren, was er auch tatsächlich tat. Alles lief glatt mit der Bahn, der Icelandair (großartige Ausblicke von oben auf Island und New York City) und der Einreise in die USA, wovor wir irgendwie eine diffuse Angst hatten. Was wäre, wenn wir nicht einreisen dürften? … ein ziemliches Horrorszenario! Die Beamtin der Einreisebehörde am Flughafen war superfreundlich, wollte nur wissen, was wir denn vorhätten in den USA und bestätigte, dass wir nun weitere 180 Tage Aufenthaltserlaubnis hätten … okay, das war einfach! Puhhh!
Mit Jobber war alles o.k. im Hafen … sie freute sich, uns wiederzusehen … redeten wir uns ein. Es war doch, in den 4 Wochen unserer Abwesenheit sehr herbstlich geworden (von 28 Grad bei Abreise, jetzt eher einstellig) und die erste Nacht war saukalt. Wir schliefen in Jogginghose, Socken, Fleecepulli und froren immer noch.
Wir richteten uns wieder ein, überwanden ziemlich schnell den Jetlag, nutzten nochmal die Annehmlichkeiten der Marina wie warme Duschen und die Laundry und füllten den Kühlschrank wieder auf. Für den zweiten Tag nach der Ankunft hatten wir die Taucher gebucht, die Jobbers Rumpf putzten … wir beneideten sie nicht um den Job in dem kalten Wasser.
Gebannt verfolgten wir die Nachrichten über den heftigen Hurricane MELISSA, der seine Bahn der Verwüstung über Jamaika und den Teil von Kuba zog, den wir ein paar Monate zuvor besucht hatten. Er traf in der Nähe von Marea de Portillo auf Land, dem kleinen Fischerdorf, in dem wir ein paar Tage mit Freunden verbracht hatten. Es ist so traurig, dass es immer die Ärmsten trifft, die sowieso schon jeden Tag ums Überleben kämpfen. Wenn man Menschen kennt, die dort leben, ist es doch viel weniger abstrakt… wir konnten nur hoffen, dass es sie nicht zu schlimm erwischt hatte, denn sie würden nicht viel Hilfe erwarten können.
Wir hatten den Hafen bis Donnerstag gebucht und mussten uns also wieder auf den Weg machen. Da das Wetter und die Windrichtung so gar nicht passten, entschieden wir uns, noch eine Nacht am Anker vorm Hafen zu verbringen und am nächsten Morgen weiter nach Annapolis zu segeln. Das sollte eine sehr anstrengende Etappe werden … eher zum Ab-als zum Eingewöhnen, aber das ahnten wir in dieser friedlichen Ankerbucht noch nicht.





































































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Richard (Donnerstag, 20 November 2025 08:12)
Liebe Jutta, lieber Thomas,
euer Blogeintrag war wieder einmal eine fantastische Lektüre! Viele der Orte an der Ostküste kenne ich ja selbst – allerdings stand ich dabei mit beiden Füßen auf festem Boden, während ihr dieselben Städte und Buchten aus der „Deluxe-Perspektive: Seegang inklusive“ erlebt habt. Ich finde es herrlich, wie ihr vertrauten Flecken Amerikas noch einmal völlig neue Facetten abgewinnt. Vom Wasser aus wirken eben New York, Annapolis und Baltimore gleich ein bisschen abenteuerlicher.
Eure Zeit in Deutschland kann ich auch gut nachvollziehen – dieses Gefühl von „wieder zuhause“ und gleichzeitig die Aussicht, danach wieder irgendwo weit, weit weg anzukommen. Mir ging’s ähnlich: Der zweijährige Heimaturlaub war wunderbar, hat mich aber am Ende auch wieder sehr zurück in die Ferne katapultiert. Deshalb sitze ich jetzt wieder in China und nicht auf irgendeiner Couch in Baden-Württemberg.
Ich freue mich jedenfalls sehr darauf, euch irgendwann wiederzusehen. Falls ihr nicht doch noch Richtung China segeln wollt, treffen wir uns eben wieder in Deutschland, wenn ihr eure Weltumsegelung erfolgreich beendet habt und euer Landgang wieder etwas länger dauert.
Bis dahin: Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel – und weiterhin viele Geschichten, die mich (und hoffentlich viele andere Leser eures Blogs) neidisch werden lassen!
Herzliche Grüße
Richard