Von Boston nach Baltimore

 

Wir verließen Boston sobald es hell genug war, gegen 6.00 Uhr morgens, zusammen mit einem Kreuzfahrtschiff, denn wir hatten eine lange Etappe vor uns bis zum Cape Cod Kanal, an dessen Eingang wir nachmittags sein wollten, um die Strömung in unserer Richtung zu haben. Wir schlängelten uns durch die zahlreichen vorgelagerten Inseln vor Boston und konnten endlich mal wieder segeln.
Um 16.00 Uhr waren wir im Kanal und rauschten mit fast 10 kn Speed hindurch, da die Strömung uns kräftig von hinten schubste.
Am Ausgang des Cape Cod Kanals angekommen, nutzten wir die Zeit bis zur Dunkelheit und den guten Wind, um noch ein bisschen voranzukommen. Zu oft hatten wir sehr wenig Wind … unser Boot ist ja kein Leichtwindboot … unter 11-12 kn Wind kommen unsere 20 t nicht in Fahrt.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir, vorbei an einigen malerischen Leuchttürmen, die Bucht von Woodshole, wo wir auf dem Hinweg schonmal geankert hatten. Immer wieder schön irgendwo anzukommen, wo man schonmal war … man kennt sich aus. Der Tag war ganz schön lang, vom ersten bis zum letzten Licht, und wir fielen müde in die Koje.

 

 

Der Wetterbericht besagte noch einen Tag eine einigermaßen gute Windrichtung für uns und morgens ging`s weiter Richtung Newport, Rhode Island, ein absolutes Segelmekka. Hier fanden von 1930 – 1983 die Wettbewerbe um den America`s Cup statt.

 

Da es Wochenende war und das Wetter noch ganz schön, war die Hölle los in Newport, es gab keine freien Bojen mehr, wie wir über Funk hörten, somit waren die begrenzten Ankermöglichkeiten wahrscheinlich auch schon belegt und so entschieden wir uns, für die ruhigere Variante eine Bucht weiter südlich bei Jamestown. Hier würden wir 2 Nächte verbringen, denn am nächsten Tag war kräftiger Wind „auf die Nase“, also von vorn angesagt.

  

 

Die nächste Etappe ging über Nacht und sollte uns nach Port Washington führen. Hier hatten wir Ende Juli 10 Tage mit Johanna verbracht und ausgiebig New York City erkundet, war also auch ein Heimspiel für uns. Wir hatten richtig viel Wind, das Anlegen an der Boje war gar nicht so einfach, klappte aber ganz ordentlich. Wir waren beide durch die Nachtfahrt ein bisschen müde, aber weil es am nächsten Tag regnen sollte, entschieden wir uns, noch die beiden hinteren Püttinge auf beiden Seiten (Befestigungsbeschlag der Wanten, die den Mast stützen) abzudichten … „Ziehen wir es durch? Keine Lust, aber hilft ja nix!“ Also Entspannen der Wanten, Abschrauben des Beschlages, Rauspopeln der alten Dichtungsmasse, Reinigen, Abkleben und neu Verfugen. Dann war es auch wirklich gut und wir fielen in die Koje.

 

 

Am nächsten Tag war volles Programm: mit dem Watertaxi zum Waschsalon 2x Waschen, 2x Trocknen, zwischendurch frühstücken, zum ShipShop und Einkaufen, zurück zum Boot mit der ganzen Wäsche und den Einkäufen, noch eine Runde Watertaxi zum Einkaufen im Supermarkt, zurück zum Boot, Umziehen, denn wir waren mit Alex und Diane zum Essen verabredet.

Die Beiden hatten wir bei unserem ersten Aufenthalt in Port Washington kennengelernt und sie hatten kurzfristig Zeit für uns. Also ging es wieder mit dem Watertaxi und Matt, dem Captain des Taxis, nun schon zum dritten Mal heute, diesmal zum Towndock, wo wir abgeholt wurden. Matt war ein guter Bekannter von Alex und er bot an, uns auch ein bisschen später wieder zu Jobber zu bringen. Eigentlich ging die letzte Fahrt mit dem Watertaxi um 20.00 Uhr, aber als Freundschaftsdienst … „take your time and call me.“ Sooo nett!

Wir verbrachten also einen sehr schönen Abend in einem japanischen Stammlokal der Beiden mit vielen spannenden Geschichten … eine der vielen tollen Begegnungen auf unserer Reise. Manchmal trifft man Menschen, die man, gefühlt, schon lange kennt und es entsteht eine spontane Vertrautheit. Das ist das, was diese Reise ausmacht … die Begegnung mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen.

 

 

Den nächsten Tag verbrachten wir in Manhattan, downtown, am Southstreet Seaport bei Traumwetter. Wir fuhren also mit dem Zug in die Stadt, wir kannten uns ja schon aus. Erstmal einen Bagel zum Frühstück und dann mit der Subway weiter Richtung Seaport. Hier hatte man einen tollen Blick auf die Brooklyn Bridge und Manhattan Bridge, wo wir am nächsten Tag mit Jobber durchfahren würden und die Perspektive vom Wasser aus haben würden.

Es gab unzählige Möglichkeiten, sich hinzusetzen und die Ausblicke zu genießen … das haben wir überall an der Ostküste gesehen …  Bänke, Picknick-Bereiche und Entspannungsliegen, die ausgiebig genutzt wurden … dazu immer wieder öffentliche und kostenlose Restrooms, das ist sehr angenehm und kennen wir aus Deutschland so nicht.

 

 

Wir trieben uns im Battery Park herum, bewunderten das leicht märchenhafte SeaGlass Carousel (Klicke hier für ein Video), statteten dem Denkmal für die gefallenen Soldaten des 2. Weltkrieges einen Besuch ab und hingen noch ein bisschen in zwei Deckchairs herum, denn es war ganz schön warm an dem Tag.

 

Auf dem Rückweg lag die Wallstreet mit dem berühmten Bullen und langen Menschenschlangen, die ein Selfie mit ihm machen wollten … dazu hatten wir keine Lust. Wir sahen uns lieber das Treiben um das Gebäude der New York Stock Exchange (Börse) an, auch ein beliebter Touri-spot. Wir teilten uns eine Pizza am Oculus, der neuen Bahnstation von Santiago Calatrava und ließen den Tag mit dem Rückweg mit Subway, Lirr (Long Island Rail Road), Fußweg durch Port Washington und Watertaxi ausklingen.

  

 

Am nächsten Morgen stand ein Tankstop auf dem Programm, bei Hochwasser, sonst wäre es zu flach für uns, 550 l Diesel, und anschließend ging es Richtung East River und Big Apple. Es war nun fast genau 2 Monate her, dass wir den East River mit Johanna nach Norden gefahren waren … jetzt also andersrum, aber nicht weniger beeindruckend (Klick hier für ein Video).

Hell Gate (fiese Stromschnellen auf einem Abschnitt des East River) war total friedlich an diesem Tag … wir hatten also umsonst die Luft angehalten und so glitten wir sehr angenehm mit 9 kn Geschwindigkeit an Roosevelt Island und der UN vorbei und unter den diversen Brücken (Manhattan Bridge, Brooklyn Bridge) hindurch, am Seaport vorbei, wo wir am Tag zuvor auf den Fluss geschaut hatten … ein letzter Blick auf Miss Liberty. Die Skyline ist immer wieder atemberaubend und wir machten mal wieder 1001 Foto.
Unter der Verrazzano Narrows Bridge durch ging´s Richtung Sandy Hook in die Ankerbucht, die uns auch schon vom Hinweg bekannt war.

 

Morgens ging beim ersten Tageslicht der Anker hoch auf eine längere Etappe Richtung Delaware Bay, 2 Tage und eine Nacht. Endlich kam der Wind mal aus der richtigen Richtung, von schräg hinten, und wir waren nicht die einzigen, die an diesem Tag Richtung Süden starteten … es fuhren noch weitere 7 Boote mit uns zusammen los, also konnte der Plan nicht so schlecht sein. Leider hatten wir mit einer kurzen, hohen und steilen Welle zu kämpfen … gut, dass wir schon vorgekocht hatten, denn bei dem Geschaukel ging nicht viel. Auf dieser Strecke hatte uns auf dem Hinweg das schlimme Gewitter erwischt und somit war uns ein bisschen mulmig zumute, eigentlich irrational, aber wir spendierten vorsorglich Neptun einen Schnaps und baten ihn um faire Bedingungen … sicher ist sicher!

 

Wir bildeten die Nachhut der Flotille, die mit uns unterwegs war, die Katamarane und sportlicheren Boote waren schneller als wir, aber der geduldige Segler kommt auch ans Ziel. In der Nacht war viel Verkehr um Atlantic City rum, so dass es auf den Nachtwachen nicht langweilig war. Wir hatten unser Radar aktiviert, um zusätzlich zu AIS noch einen weiteren Sicherheitsfaktor zu haben und manövrierten um zahlreiche Schlepper, Frachtschiffe und andere Segler herum. Ein Schlepper, der an einer etwa 100 m langen Trosse eine Plattform mit einem riesigen Kran schleppte, funkte uns an, um sicherzugehen, dass wir ihn sahen und nicht auf die Idee kamen, zwischen ihm und dem Kran durchzufahren. Thomas Schicht an der Einfahrt zur Delaware Bay war ähnlich spannend, hier gab es Flachstellen, Leuchtbojen, die manchmal nicht an den Positionen stehen, wo sie in der Seekarte eingezeichnet sind, Schlepper, Frachter und eine Menge Strömung. Alles ging gut und es war, wie immer, schön, als die Sonne aufging.

 

Wir hatten uns entschlossen, die Delaware Bay am Stück hinter uns zu bringen, denn der Stopp auf halber Strecke war uns vom Hinweg in so unguter Erinnerung, dass wir uns das nicht noch ein zweites Mal antun wollten. Hier gab es Lobsterpods ohne Ende, gefährliche Flachstellen und in der Ankerbucht Greenheaded Horseflies, die schlimmste Plage, die wir je erlebt hatten.

 

 

Am Nachmittag hatten wir die Delaware Bay hinter uns gebracht und ankerten ganz allein vorm Eingang des Delaware-Chesapeake-Kanals. Später kamen noch 3 Katamarane und ein Segelboot dazu.

 

Um 11.30 Uhr setzte am nächsten Tag die Strömung in unsere Richtung im Kanal ein, wir konnten also mal ausschlafen … auch schön. Weil wir ein paar Tage früher in Baltimore sein würden als geplant, fragten wir beim Hafen an, ob unser Platz schon früher frei sein würde und das war der Fall. Super, denn wir hatten ein paar Dinge auf der Liste, die vor unserer Abreise nach Deutschland zu erledigen waren, somit hatten wir ein bisschen mehr Zeit dafür.

 

Nach einer ruhigen Nacht in einer namenlosen Ankerbucht in der Chesapeake Bay, starteten wir vormittags auf die letzte Etappe nach Baltimore. Wir hatten wieder mal Gegenwind, wie so oft, und erreichten am Spätnachmittag die Bucht von Baltimore. Hier tummelten sich ziemlich viele große Containerschiffe, Marineschiffe, Yachttransporter, Frachtschiffe, Tanker und Schlepper, aber zunächst passierten wir die Überreste der Francis Scott Key Bridge, die nach einer Kollision im März 2024 mit dem Containerschiff Dali kollabiert war. 6 Menschen kamen damals ums Leben und die Verkehrsader (34 000 Fahrzeuge pro Tag) ist bis mindestens 2028 gekappt. Die Überreste und großen Kräne zu sehen, jagte uns einen Schauer über den Rücken … wir hatten 2024 die Filme gesehen, wie ein so imposantes Bauwerk innerhalb von Sekunden wie ein Kartenhaus zusammenfällt … unvorstellbar! Das geben die Fotos nicht so richtig wieder.

 

Nicht weit hinter der zerstörten Brücke, lag unser Hafen, die Anchorage Marina mit der gebuchten Box. Wir manövrierten in den Slip und wurden sehr nett empfangen mit einem Säckchen voll nützlicher Dinge, den Zugangskarten, einem Infoheft und ein bisschen Schnick-Schnack, den man nicht braucht (hatten wir noch nie erlebt). So waren wir nach 3 Monaten zum ersten Mal wieder in einem Hafen, jetzt für ca. 5 Wochen, während unseres Aufenthalts in Deutschland.

Der Hafen hat einen Pool, Gasgrills, eine Laundry, Sanitäranlagen, Müllcontainer, Strom und Wasser, also Luxus pur, der allerdings seinen Preis hat. Die Häfen in USA sind unfassbar teuer, dies ist einer der günstigeren und für einen längeren Zeitraum ist der Preis einigermaßen akzeptabel (1050 Dollar, ohne Strom für einen Monat), aber es hilft ja nix, wie müssen Jobber ja an einem sicheren Ort wissen, wenn wir weg sind.

  

 

Hier unser Track von Boston nach Baltimore:

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Richard (Mittwoch, 01 Oktober 2025 16:44)

    Liebe Jutta und lieber Thomas, das Lesen Eures Blogs macht immer sehr viel Spaß. Vielen Dank für das Teilen Eurer Erlebnisse. Viele Grüße aus Beijing, Richard

  • #2

    Tom&Martha (Montag, 13 Oktober 2025 21:29)

    Dear Jutta and Thomas,

    Wonderful to read of your passage South past daughter Stella's apartment she's just a few blocks from the East River. Perhaps she was waving at you from the caged in urban playground!

    We hope to see you again somewhere on the planet. We are admire the adventure you are on and the way you share your zest for life, friendship and wonder.

    Fair winds and safe travels,

    Tom&Martha (Mount Desert and Boston)

  • #3

    Irene, Searenity (Samstag, 29 November 2025 05:10)

    Wow, das ist ja wieder ein dichtes Erlebnispaket! Schön, schreibt ihr das alles auf und teilt es mit uns, danke!