Nach diversen Reparaturen ging es jetzt nach über einer Woche in Somesville, diesem schönen und geschützten Platz, wieder los nach Westen, denn wir hatten eine Verabredung für den 4. September. Wir lösten die Leine der Boje und verließen diesen langen Fjord, der uns so zuverlässig vor ERIN, dem Hurricane, beschützt hatte. Ed, den wir in ein paar Tagen besuchen würden, hatte uns per WhatsApp ein paar Vorschläge für Ankerbuchten gemacht, die wir auf dem Weg abklapperten, eine schöner als die andere. So wunderschön Maine auch ist, die Etappen durch die Lobsterpods sind sehr anstrengend … man starrt stundenlang auf einen bestimmten Sektor im Wasser, Thomas Backbord, Jutta Steuerbord und gibt hin und wieder mal Alarm für eine kurze Richtungsänderung … bei gutem Wetter und wenig Welle geht das, bei trübem Wetter oder Gegenlicht und Wellen, hinter denen die Pods sich verstecken, wird es richtig übel.
Der erste Stopp war Swans Island, eine sehr schöne Bucht, nur ein Boot außer uns, dafür viele Seehunde, die sich auf Felsen sonnen, die bei Ebbe ein paar Zentimeter aus dem Wasser ragen, ein paar Fischerboote, die um uns herum zirkeln und Loons, eine Vogelart, die wir schon aus Kanada kennen. Die Tide betrug hier etwa 3m, was die Landschaft um uns herum schon sehr veränderte.
Da am nächsten Tag ein kräftiger Wind aus Südwesten angesagt war, suchten wir uns einen geschützten Ankerplatz vor der Isle au Haut (Klick hier für ein Video). Hier sollte es einen kleinen General Store geben und wir fuhren mit dem Dinghi rüber vorbei an einem amerikanischen Segelboot auf einen kleinen Plausch. Der Skipper erzählte uns, er hätte den Rumpf seines Bootes gereinigt, im Taucheranzug, immer ein Auge auf die Umgebung, denn es sollte weiße Haie geben. Ooookay, wir wollten eh nicht ins Wasser, das war mittlerweile entschieden zu kalt.
Der General Store war klein, aber erstaunlich gut sortiert und wir kauften ein paar frische Sachen ein. Es gab noch einen Giftshop, der leider geschlossen war, ein Mini-Post-Office, einen sehr freundlichen Hund und das war`s auch schon. Wir blieben noch einen Tag, um auf besseren Wind zu warten und erledigten ein bisschen Papierkram. In unserer Nähe schwamm ein Lobsterpod, weil die einfach überall sind, den wir im Auge behielten, als Thomas den Motor einschaltete, um den Anker zu lichten. Im Propeller landete die Leine des Pods nicht, dafür hatte sie sich um die Ankerkette gewickelt, der Lobsterkorb hing nun am Anker fest und wir zogen ihn mit hoch. Es kostete einige Zeit und Mühe, uns zu befreien, aber es klappte schließlich.
Der nächste Tipp war Winter Harbor, eine schmale Bucht, wo wir die Nacht mit einer großen Motoryacht und zwei weiteren Segelbooten verbrachten.
Labor Day verbrachten wir in Pulpit Harbor, einem sehr hübschen Ort und als Feiertagsbeschäftigung dichteten wir einen der Püttinge (Befestigungsbeschlag für die Wanten, die den Mast halten) auf der Backbordseite ab, den wir in Verdacht hatten, für den Wassereinbruch in einem Schrank im Salon verantwortlich zu sein. Immer, wenn es regnete, musste man den Schrank trockenlegen … sehr lästig! Wir lösten also den Wantenspanner, schraubten die Abdeckplatte ab, puhlten die alte Dichtmasse raus und verfugten neu. Leider war die Kartusche mit der Dichtmasse schon seit einiger Zeit abgelaufen, das Zeug war unglaublich zäh und nur mithilfe einer Schraubzwinge aus der Kartusche zu kriegen. Man sollte doch immer zuerst das Material checken, bevor man Dinge aufschraubt … naja, vielleicht nächstes Mal.
Am nächsten Ort, Rockland, blieben wir zwei Nächte vor Anker. „Vielleicht machen wir noch schnell den Ölwechsel vom Volvo“ … gesagt-getan, aber „schnell“ war natürlich nicht. Die ganze Abpumperei von Motor- und Getriebeöl, Filter- Impellerwechsel war dann doch schon ein ganz schöner Aufwand. Wir hatten mehr motort als gedacht, da wir oft zu wenig Wind oder Wind von vorn hatten. Die Hoffnung, dass das auf dem Rückweg besser werden würde, bestätigte sich nicht so wirklich, also war der Ölwechsel eben fällig.
Rockland war hübscher als vermutet und hatte viele kleine Geschäfte und Cafés. Wir gingen erstmal frühstücken, nachdem wir unser Altöl und den Hausmüll netterweise beim Hafenbüro entsorgen durften. Thomas bekam einen Haarschnitt und im Shipshop gab´s neue Dichtmasse, denn eine weitere Abdichtung stand noch auf der To-do-Liste. Eine zweite Tour mit dem Dinghi führte uns zum Supermarkt und schwer bepackt wieder zurück zum Boot. Als alle Einkäufe endlich verstaut waren, genossen wir bei einem Bier eine kleine Regatta um unser Boot rum 7-8 schnittige Bötchen kämpften um die ersten Plätze in ein paar Durchgängen. Mittwochs nachmittags ist Regattatermin, das hatten wir schon ein paarmal an verschiedenen Orten erlebt.
Abends waren wir auf der RE, einem deutschen Katamaran, auf einen Cocktail eingeladen. Segelfreunde, die inzwischen in Alaska unterwegs sind, hatten eine Nachricht geschickt: “wir haben gesehen, dass Ihr neben der RE liegt … bestellt mal liebe Grüße von uns.“ An dem sehr kurzweiligen Abend mit vielen Geschichten und Erfahrungsaustausch stellte sich heraus, dass wir noch einige weitere gemeinsame Bekannte hatten. „Ach kennt Ihr auch Hans aus Porto Santo? Klar!“ Witzig, wie klein die Welt der Seglercommunity manchmal ist.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf Richtung Port Clyde, wo wir ein Date mit Ed und seiner Frau Kathleen hatten, natürlich wieder mal mit Wind von vorn und durch 1001 Pod. Da wir ja schon einmal in Port Clyde waren, war es easy, den richtigen Platz zum Ankern zu finden. Wir kochten eine größere Menge Chili für die kommenden Tage und takelten noch einen Schlüsselanhänger als Mitbringsel.
Mittags waren wir auf Raspberry Island eingeladen und wurden sehr herzlich von Ed und seiner Frau Kathleen auf dem Steg ihrer Privatinsel empfangen. Die beiden hatten die Insel samt Cottage 1985 gekauft, das Cottage erweitert, einen Gazebo und ein Bootshaus im Laufe der Jahre gebaut und sich so ihr kleines Paradies geschaffen, wo sie den Sommer verbringen. Den Rest des Jahres leben sie in Ohio. Wir tranken ein Glas Wein auf einer der Terrassen, aßen zusammen zu Mittag, hatten interessante Gespräche und einen Rundgang über die Insel. Die Zeit verging wie im Flug und plötzlich ging die Sonne unter. Wir verabschiedeten uns wie alte Freunde und bedankten uns für die warmherzige Gastfreundschaft, die wir erfahren hatten.
Das Dinghi war noch zu verstauen und am nächsten Morgen klingelte der Wecker um 4.45 Uhr. Wir hatten Plan B aktiviert, denn der Wetterbericht verhieß nichts Gutes … viel Wind und Regen. Wir starteten bei Sonnenaufgang, warm angezogen, denn es war ungemütlich. Das Tagesziel war eine Bucht bei Cliff Island, wo wir vor dem Wind geschützt sein sollten und der Plan war, dort zwei Nächte zu bleiben und dann mit einer Nachtfahrt, Boston zu erreichen, wo wir mit Tom und Martha verabredet waren. Alles klappte gut, aber die Fahrt war die Hölle, denn es gab ohne Ende Pods und die waren sehr schlecht zu sehen bei dem trüben Wetter und den Wellen. Die Vorstellung, sich eine Leine einzufangen und manövrierunfähig zu sein bei diesen Bedingungen, wollten wir gar nicht zu Ende denken.
Wir erreichten Cliff Island und machten an einer Privatboje fest. Im Internet hieß es, man könne die Bojen nutzen, solange bis der Besitzer kommen würde … es kam niemand und es war sehr rollig.
Sonntags ging es bei Regen los Richtung Boston, wo wir ab Montag online eine Boje für 3 Nächte gebucht hatten. Das Wetter war ungemütlich und wir packten unsere alte Segeljacken aus, um festzustellen, dass sie einige Auflösungserscheinungen aufwiesen. Gummibeschichtungen an Bündchen waren wohl nicht für die Karibik gemacht, aber Warmhalten klappte noch.
Die Nachtfahrt war etwas spannend, weil wir wussten, die Pods sind bestimmt noch da, aber man sieht sie jetzt gar nicht mehr. Das Horrorszenario der Manövrierunfähigkeit und das Ganze noch im Dunkeln … na ja! Alles ging gut und wir erreichten Boston gegen 9.00 Uhr mit einem Kreuzfahrtschiff im Nacken, einem Containerschiff im Gegenverkehr und Flugzeugen im 2-Minutentakt über uns … wir waren also wohl in der Großstadt angekommen. Wir machten an der Boje fest, mitten in der Stadt, und fielen erstmal in die Koje.
Gegen Nachmittag, halbwegs ausgeschlafen, machten wir das Dinghi klar und starteten eine erste Erkundungstour durch die Stadt, die sich so ganz anders anfühlte als New York … überschaubarer, traditioneller … weniger Großstadt. Abends im Cockpit bestaunten wir die Skyline, die zum Greifen nah zu sein schien.
Für Dienstag waren wir spätnachmittags mit Tom und Martha verabredet. Wir kannten die beiden und ihre Tochter aus Somesville, wo wir ihre offenherzige Gastfreundschaft schon einmal genossen hatten.
Wir machten uns mit dem öffentlichen Nahverkehr vertraut und fuhren mit der Bahn Richtung Süden, nach Chinatown. Hier streunten wir ein bisschen durch die Straßen, vereinbarten einen Friseurtermin für Jutta 2 Stunden später, saßen in einem Park, in dem sich Einwohner zum Spielen trafen und fanden ein kleines Lokal zum Mittagessen. Nach einer netten Plauderei mit einer Friseurin aus Hongkong, hatte Jutta auch wieder einen neuen Haarschnitt. Zurück am Boot packten wir ein paar Sachen für die Nacht, denn Tom würde uns um 16.30 Uhr am Hafen abholen.
Tom ist Teilhaber eines großen Architekturbüros in Boston mit Zweigstellen in den USA, London, Shanghai und baut u.A. Krankenhäuser und Bürogebäude. Tom sagte im Vorfeld: „Nehmt kleines Gepäck mit, ich zeige Euch ein bisschen was von Boston.“
Wir gaben also den Plan auf, mit der Bahn zu fahren, und gingen stattdessen zu Fuß vorbei an Faneuil Hall, einer Touri-Ecke, „wo nie ein Bostoner hin kommt“, der City Hall, einem ziemlich brutalen Betongebäude „das nur den Architekten gefällt“, einer wunderschönen, alten Bibliothek, in die wir einen Blick werfen durften, weil Tom einen Mitgliedsausweis hatte … großartig für uns, so Einblicke aus erster Hand zu bekommen. Danach ging´s am Regierungssitz von Massachusetts vorbei zu einem sehr eindrücklichen Relief. Es zeigt Robert Gould Shaw mit einem der ersten Regimenter (54th) dunkelhäutiger Amerikaner im Bürgerkrieg. Interessant für uns war das Verhältnis der Amerikaner zu ihrer Flagge, das so gar nichts mit politischer Ausrichtung zu tun hat ... für und Deutsche eine sehr andere Sichtweise.
Unser Weg führte uns durch ein historisches Viertel, Beacon Hill, mit wunderschönen alten Backsteingebäuden, aufwändig restauriert und absolut unerschwinglich.
Nach einem Budweiser in einer „non-touristic„ Kneipe, fuhren wir das letzte Stück nach Cambridge dann doch mit der Bahn.
Angekommen im tollen Haus von Tom und Martha, einem Gebäude von 1869 (glaube ich) mit großem Garten und knapp 500 qm, begrüßte uns Martha, die fragte, wo wir denn so lange gesteckt hätten. Wir bekamen eine Führung durch das mit Antiquitäten, vielen Erbstücken, Büchern und Gemälden (teilweise von Tom) bestückte Haus. Vieles hatte einen familiären Hintergrund und eine Geschichte, anderes stammte von Ebay und fügte sich zu einem authentischen Ganzen, das so sehr anders war, als unser Zuhause in Deutschland.
Im Keller hatte einer der zwei Söhne eine große Werkstatt eingerichtet, ein Erfinder, der inzwischen im MIT in der Roboterentwicklung arbeitet … einer der drei beeindruckenden Lebensläufe der Kinder, alle noch unter 30, die schon sehr viel erreicht haben.
Nach einem leckeren Abendessen, natürlich mit altem Geschirr und Silberbesteck, und interessanten Gesprächen, gingen wir in unser 150 Jahre altes Gästebett im 2. OG und mussten die ganzen neuen Eindrücke erst einmal verarbeiten. Wir haben natürlich gefragt, ob wir die Fotos in unserem Blog verwenden dürfen.
Am nächsten Morgen nahm uns Martha mit zum MIT (Massachusetts Institute of Technology), wo sie seit vielen Jahren und schon für den dritten Präsidenten bzw. Präsidentin der privaten Universität arbeitet. Wir bekamen eine Menge interessante Infos und Einblicke in diese weltberühmte Uni. Die Aufnahmeprüfungen sind sehr anspruchsvoll, aber hat man es einmal geschafft, angenommen zu werden, bekommt man jegliche Unterstützung bis hin zu Kinderbetreuung … sehr spannend … vielen Dank Martha und Tom für Eure warmherzige Gastfreundschaft.
Nach einem Frühstück in einer Bar für Studenten, schauten wir uns noch Harvard Square an, der auch sehr beeindruckend war und pure Geschichte atmete. Zurück ging es nochmal durch Beacon Hill und Public Garden, das Gegenstück zum Central Park und am Supermarkt vorbei zurück zu Jobber. Wir wollten uns ein bisschen ausruhen und abends nochmal los, konnten uns aber nicht wirklich aufraffen, dafür gab´s Feuerwerk im Cockpit … auch schön! (Klick hier für ein Video)
Am letzten Boston Tag erkundeten wir den nördlichen Teil der Stadt mit der Besichtigung eines alten Kriegsschiffes und Little Italy. Irgendwie waren viele deutsche Touristen in der Stadt unterwegs, was sich bestätigte, als wir Gruppen mit Guides und mit Schildern „Mein Schiff“ sahen … alles klar!
Einmal mehr wurde uns bewusst, wie toll es ist, dass wir auf andere Art reisen können, sicher ein bisschen unkomfortabler und ohne Rund-um-sorglos-Paket, aber mit mehr Zeit, Land und Leute außerhalb der klassischen Sehenswürdigkeiten kennenzulernen und in unserem eigenen Tempo. Maine und Massachusetts waren toll und die Menschen, die wir getroffen haben, geben Anlass zur Hoffnung für dieses Land.
Wir tranken noch ein letztes Bier am Pier, verstauten unser Dinghi an Deck und trafen noch ein paar Vorbereitungen für die sehr frühe Abreise am nächsten Tag. Bye-Bye Boston … eine tolle Stadt!
Hier unser Track von Somesville nach Boston:












































































































































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