Long Island … Massachusetts … Cape Cod … Maine

 

Wir bewegten uns weiter nach Norden an Long Island entlang, fanden einige ruhige, wunderschöne Ankerplätze und genossen die Ruhe nach der hektischen Großstadt.

 

Der Wetterbericht kündigte Regen, kältere Temperaturen und Starkwind in den nächsten Tagen an und wir brauchten einen geschützten Platz für dieses Wetter. Wir entschieden uns, den nördlichen Teil der Gabel am Ende von Long Island zu umrunden, an Long Beach vorbei und eine Bucht bei dem Ort Orient anzulaufen. Hierbei geht es immer darum: Ist die Bucht geschützt für die jeweils angekündigte Windrichtung? … ist sie tief genug für unseren 2 m Tiefgang? … darf man ankern? … wie ist die Tide und die Strömung? … Orient war perfekt!

 

 

 

Wir fuhren also in die Bucht und suchten uns einen Ankerplatz, weit genug entfernt von anderen Booten, so dass wir auch bei Änderung der Windrichtung und Länge der Kette nicht mit anderen Booten kollidieren würden. Jutta ließ den Anker ins Wasser und ein paar Meter Kette raus, als plötzlich beim Rückwärtsfahren ein fieses, rumpelndes Geräusch auftrat.

Erster Gedanke war: Wir sind auf einen Felsen aufgelaufen … was bei einem Blick auf den Tiefenmesser allerdings nicht sein konnte. Thomas fuhr ein paarmal vor und zurück ohne Erfolg, als Teile von Seilen an die Oberfläche trieben … oh nein, nicht schon wieder ein Seil im Propeller!

Wenig später kam eine gelbe Boje an die Oberfläche, dessen Seil wohl unser Ropecutter abgeschnitten hatte. Jetzt war klar, wo das Gerumpel herkam, von der Boje, die an den Rumpf schlug. Wir hatten sie beide nicht wahrgenommen, sie muss bei der Einfahrt in die Ankerbucht unter Wasser gewesen sein, sonst hätten wir sie bestimmt gesehen.

Wir beendeten das Ankermanöver und Thomas freundete sich mit dem Gedanken an, ins Wasser zu gehen und den Rest des Seils vom Propeller zu schneiden. Keine schöne Aufgabe bei 22 Grad Wassertemperatur und sehr trübem Wasser. Bei dem anstehenden Starkwind wollten wir unbedingt wieder manövrierfähig sein, denn man weiß nie, was passiert.

Mit Messer und Tauchertaschenlampe bewaffnet, ging Thomas also ins Wasser. Die Sicht ging nicht mehr als einen halben Meter weit und das Seil hatte sich ziemlich fest um den Propeller gewickelt. Nach 4-5 Tauchgängen war der Propeller wieder frei und Thomas kam mit einigen Schrammen vom Kontakt mit dem muschelbewachsenen Rumpf wieder an Bord. Wir versorgten die Wunden und hofften, dass nun erstmal alles gut war.

 

 

Die folgende Nacht war ganz schön kalt und stürmisch und wir schliefen mit Leggins und Pulli … wir würden wohl doch bald die Bettdecken aus den Tiefen der Stauräume ausgraben müssen. Wir hatten jetzt seit über zwei Jahren nur unter Bezügen und oft mit Ventilator geschlafen. Wir blieben noch eine weitere, ruhigere Nacht und kümmerten uns um ein bisschen Bürokram.

 

 

 

Auf der nächsten Etappe verließen wir den Staat New York und verbrachten eine Nacht auf Block Island, das zu Rhode Island gehört. Block Island ist ein beliebtes Ausflugsziel fürs Wochenende und entsprechend voll war es dann auch. Wir waren am frühen Nachmittag dort und fanden gerade noch so einen Ankerplatz für unsere Bootsgröße … eine Viertelstunde später wäre es schon schwierig geworden. Hier war also die Hölle los und wir fragten uns, warum „the hell“ waren alle hier in der vollen Ankerbucht und vollen Stränden, wo es doch so viele, ruhigere Alternativen gab. Wir schauten uns also den Zirkus um uns herum an, die umherkurvenden Boote auf der Suche nach dem letzten Ankerplatz, Funksprüche und Anfragen für freie Bojen „no chance“ und hofften, dass uns keiner zu nahe auf die Pelle rücken würde. Bei Sonnenuntergang wurden Böller abgeschossen und jeder hupte einmal kurz, dann kehrte Ruhe ein (Klick hier für ein Video).

 

Hier war es uns entschieden zu voll und wir brachen am nächsten Morgen um 7.00 Uhr auf, vorbei an der Bimmelboje (Klick hier für ein Video).

Es war Sonntag und neben ein paar Seehunden waren auch schon viele Angelboote unterwegs. Bootfahren und Angeln scheint hier der absolute Volkssport zu sein. Wir packten also auch unsere Angel mal wieder aus und entschieden uns für einen mittelgroßen Köder. Die letzten Monate hatten wir nicht mehr geangelt, weil es in den Gebieten, in den wir unterwegs waren, Kuba, DomRep, Puerto Rico Riffe gab und somit die Gefahr für Cigua Terra (Vergiftung durch kontaminierten Fisch) zu groß war. Das war hier an der Ostküste der USA nicht mehr der Fall, also versuchten wir unser Glück auf der langen Etappe zur Buzzards Bay.

Wir hatten kein Angelglück, ein Motorboot fuhr full speed sehr knapp an unserem Heck vorbei und riss viele Meter der Angelschnur samt Köder mit. GRRRHHH, so ein Ar….., er war nicht der Erste, der heute völlig rücksichtslos knapp an unserem Bug oder Heck vorbeikrachte. Hoffentlich hatte er jetzt unsere Angelschnur in seinem Propeller!

 

 

 

Wir warfen den Anker in einer sehr schönen Bucht nahe eines kleinen Ortes, Woods Hole, wo nur noch ein anderes Boot ankerte. Hier gab es einen kleinen öffentlichen Strand, wo einiges los war. Das Wasser war hier sehr viel klarer und sauberer, weil es einige Durchflüsse zum offenen Atlantik gab und die Lufttemperatur war auch sehr angenehm … warm, aber nicht so furchtbar heiß. Wir gingen eine kleine Runde schwimmen, was, wie so oft, in einer Putzaktion endete. Jobbers Rumpf und Wasserpass sah so schlimm aus, dass wir es wirklich nicht mit ansehen konnten. Also wurde erstmal an der Kante, wo die Wasseroberfläche auf den Rumpf trifft, geschruppt. Weiter unten hatte sich schon eine ziemliche Menge Muscheln angesammelt, die hoffentlich in den immer kälter werdenden Wassertemperaturen von allein abfallen würden … schön wär´s.

 

Wir blieben noch einen weiteren Tag, um uns den Ort anzuschauen und Jobbers Rumpf oberhalb der Wasserlinie zu putzen … das tiefbraune Wasser, in dem wir die letzten Wochen unterwegs gewesen waren, hatte einen gelbbraunen Belag hinterlassen … sehr unschön! Wir hatten im letzten Ship-Shop ein Reinigungsmittelchen gekauft, das super funktionierte und so sah unser schwimmendes zu Hause schon bald wieder ganz ansehnlich aus. Wir ruderten zum Ufer rüber, schleppten das Dinghi den Strand hoch und wurden gleich von John, dem Lifeguard des Strandes begrüßt. Wir plauderten ein bisschen, bekamen ein paar Tipps, wo man eventuell Wale sehen konnte, denn es war Saison für die großen Meeressäuger. Sie halten sich im Sommer in diesen Gewässern auf, bis sie im Herbst wieder nach Süden wandern. Da wir sie in der Dom Rep knapp verpasst hatten, wo sie im Winter ihre Jungen großziehen, hofften wir, jetzt endlich einmal diese tollen Tiere zu sehen. John erzählte uns, dass in Woods Hole auch manchmal große weiße Haie gesichtet worden sind … na super … gut zu wissen, dann überlegen wir nochmal, ob wir hier schwimmen gehen.

 

 

 

Wir gingen frühstücken in diesem hübschen Städtchen, im „Pie in the Sky“ und sahen, dass der halbe Ort aus meeresbiologischen Instituten und Laboren bestand, das Publikum zur Hälfte aus etwas verpeilten Wissenschaftlern, aber total sympathisch … eine der Wissenschaftlerinnen kam morgens immer an unserem Boot vorbeigeschwommen, sie war Deutsche und verbrachte den Sommer immer in Woods Hole, um zu forschen, es gibt wohl Schlimmeres!

 

 

Am nächsten Tag hatte der Wind gedreht, stand direkt in die Bucht und erzeugte eine fiese Welle, die am Anker zerrte und uns nervte. Wir beschlossen spontan, die Ankerbucht zu wechseln und uns eine Geschütztere zu suchen. Das war eine gute Idee, denn wir verbrachten eine total ruhige Nacht in „Wild Harbor“, was gar nicht so ruhig klang, wie es tatsächlich war.

 

 

 

Am nächsten Tag gings um 13.00 los, denn der Cape Cod Canal stand auf dem Programm und den wollten wir MIT der Strömung passieren. Die künstliche Wasserstraße verbindet die Buzzards Bay mit der Cape Cod Bay und ist knapp 12 km lang. Es war wenig Betrieb im Kanal und plötzlich kam ein Boot der Coast Guard und funkte uns an: „Speed up a little bit, the railroad bridge will soon come down!“ Thomas gab Gas und wir konnten sehen, wie die Eisenbahnbrücke hinter uns heruntergefahren wurde, so dass ein Zug passieren konnte … spannend!

Auf der anderen Seite des Kanals angekommen, motorten wir nach Provincetown, Cape Cod, denn der Wind kam wieder mal von vorn. Um 19.30 Uhr fiel der Anker in Provincetown, wir beide ein bisschen müde, verfroren, denn es wurde merklich kühler, und nicht besonders gut gelaunt. Wir öffneten einen unserer tiefer liegenden Stauräume im Boot, um wärmere Kleidung und Bettdecken auszugraben und stellten fest, dass der blinde Passagier, die Ratte, die wir uns letzten Dezember in Curacao für etwa 2,5 Wochen eingefangen hatten, doch tatsächlich die Vakuumbeutel im Stauraum angefressen hatte. Die Beutel hatten viele kleine Löcher, die wir mit Klebeband versuchten zu flicken … mit mehr oder weniger Erfolg … das besserte die Laune an Bord nicht wirklich … dieses kleine Mistvieh hatte im ganzen Boot alles angefressen, was nicht niet- und nagelfest war! Die Vakuumbeutel waren also nicht mehr luftdicht und entsprechend rochen auch manche Dinge, die wir auspackten, … die Bettdecken, die wir zuletzt in Europa benutzt hatten, mussten wohl erst ein paar Tage lüften. Nach der Pleite gab es Hotdogs, einen Schnaps und es ging in die Koje.

 

 

 

Wir beschlossen, noch mindestens einen Tag in Provincetown zu bleiben, was eine ziemlich gute Idee war, und uns diese geschichtsträchtige Stadt anzusehen, in der 1620 die Mayflower landete und Pilger aus England brachte. Wir machten also das Dinghi klar und fuhren zum Dinghidock am Mac Millan Pier, wo schon eine Menge los war. Provincetown ist sehr touristisch, es gibt eine Schnellfähre nach Boston (90 Min), Whalewatchingboote, altehrwürdige Segelschiffe, mit denen man Ausflüge buchen kann, endlose Sandstrände und ein sehr hübsches Städtchen mit vielen Restaurants, schrägen Läden für Weihnachtsschmuck und Kunstgalerien, denn die Stadt ist insbesondere als Urlaubsziel von Schwulen und Lesben bekannt. Dies merkt man innerhalb der ersten Minuten, wenn man einen Fuß an Land setzt. Die Atmosphäre ist freundlich, ausgelassen und sehr bunt … wohin man sieht, gibt es Paare in schrägen Klamotten, Händchen oder Handtäschchen haltend und in den Bars gibt es schon vormittags Prosecco und Dragqueen-shows mit lautem Gejohle.

Wir mussten uns erstmal die Augen reiben und realisieren, dass wir in den USA sind … im Trump-Land … kaum zu glauben!

 

Wir schlenderten also über den Mac Millan Pier, schauten uns die tollen alten Segelschiffe an und kamen mit einer Frau ins Gespräch, die Tickets für Segelausflüge verkaufte. Wir bekamen ein paar Tipps für Restaurants und die Ansage, dass aber alles furchtbar teuer geworden sei. Eine Lobsterroll kostete mittlerweile um die 30 Dollar und ein Zelt auf dem Campingplatz 120 Dollar pro Nacht. Dafür gab es aber einen öffentlichen Bus zu ein paar Stränden „for free“, prima!

 

 

 

Wir liefen staunend durch die Stadt, gönnten uns eine Vorspeise und teilten uns ein Bier. In dem Lokal bekamen wir ein paar Tipps für Maine vom Nachbartisch, neben vielen Fragen, wie es denn so ist, so lange Zeit auf einem Segelboot zu leben. Die Leute hier kamen uns sehr viel freundlicher vor als im Süden oder lag es an dieser so speziellen Stadt? Wir kauften uns ein Eis, setzten uns auf einen Bordstein und sahen uns das bunte Treiben an … sehr spannend!

Wir beschlossen, ein wenig Gas rauszunehmen, nicht so schnell wie möglich nach Norden zu segeln, denn Wind war die nächsten Tage sowieso nicht angesagt, und uns mehr Zeit für Cape Cod zu nehmen. Manchmal ist es schwierig zu entscheiden, wo man noch hinwill, wo man sich Zeit nimmt und was man auslässt. Man kann nicht alles sehen und das Ende des Sommers im Norden saß uns auch im Nacken, denn irgendwann im September würde unweigerlich der Herbst kommen und der kann hier sehr ungemütlich sein.

 

Von Cape Cod aus gibt es eine Schnellfähre in 90 Min nach Boston und wir überlegten kurz, ob das eine gute Möglichkeit sein könnte, Boston zu besuchen, aber der Preis von 178 Dollar pro Person und die ungünstigen Fahrzeiten überzeugten uns nicht und so verschoben wir die Aktion auf den Rückweg.

 

 

 

Am nächsten Tag nahmen wir den kostenlosen Bus über die Insel zum Strand Race Point. Rund um Cape Cod gibt es endlose, tolle Sandstrände … am Zugang stehen Schilder, die vor weißen Haien warnen … vielleicht war das der Grund, warum so wenig Leute im Wasser waren oder aber die Temperatur, die schon merklich kühler geworden war.

Am Strand gab es einen Abschnitt, in dem man mit dem Wohnmobil direkt bis zum Strand fahren konnte …  irgendwie schräg und immer die Nationalflagge direkt neben dem Gefährt.

Wir nahmen den Bus zurück, stiegen am Supermarkt aus und in den nächsten Bus gleich wieder ein, zum Hafen … sehr praktisch. Weil wir uns so wohl fühlten in Provincetown, blieben wir noch einen Tag, an dem Jutta ein bisschen in die Stadt ging, in den ausgefallenen Läden und wunderschönen Lokalen stöberte und Thomas Papierkram an Bord erledigte, wie z.B. den Rentenantrag, denn die Altersteilzeit endet im Dezember.

 

 

 

Am nächsten Tag ging es aber endlich weiter Richtung Norden. Wir hatten eine Nachtfahrt geplant, um ein wenig zügiger nach Maine zu kommen, starteten vormittags bei wieder mal zu wenig Wind und folgten erstmal ein paar Whalewatching-Booten um Cape Cod herum, in der Hoffnung, endlich mal einen Wal zu sichten. Das war uns bisher auf unserer Reise noch nicht vergönnt und tatsächlich sahen wir von weitem eine Rückenflosse … eher unspektakulär.

Der Wind nahm zu und wir konnten zumindest in der Nacht segeln bei wilder Schaukelei, bis es in den frühen Morgenstunden wieder vorbei war und der Motor angeworfen werden musste.

Als es wieder hell wurde, war klar, dass Maine nicht mehr weit sein konnte, denn um uns herum waren Tausende von bunten Lobsterpods im Abstand von 20 – 30 Metern, um die wir herummanövrieren mussten, um nicht schon wieder ein Seil im Propeller zu haben. Das war sehr anstrengend, denn wir mussten jeden Augenblick aufmerksam sein und so waren wir froh, mittags in der anvisierten Ankerbucht bei Snow Island anzukommen. Der Anker fiel und wir fielen in die Koje. Die Landschaft um uns herum erinnerte uns sehr an Kanada oder Schweden und wir freuten uns schon, die zerklüftete Küste von Maine zu erkunden.

 

 

 

Hier der Track von Port Washington, vor den Toren von New York City, nach Maine:

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Irene (Mittwoch, 10 September 2025 13:30)

    Das bestätigt einmal mehr, dass die lgbtq- community viel Farbe ins Leben bringt! Danke für den spannenden Bericht. Ich bin froh, ist kein weisser Hai vorbei gekommen, als ihr die Wasserlinie geputzt habt und dass ihr den Weg durch die Lobsterpods (bei uns Zuchtperlenboien) ohne Badeeinsatz geschafft habt!